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Wie Studenten die Aufschieberitis bekämpfen: Alles auf den letzten Drücker

zuletzt aktualisiert: 17.05.2009 - 12:31

Berlin (RPO). Wer kennt das nicht? Das Dokument auf dem Laptop ist noch leer. Schon in ein paar Wochen soll hier die fertige Examensarbeit stehen. Doch vorher gibt es viele andere wichtige Dinge zu tun. Aufräumen, Geschirr spülen, Blumen gießen. Die Liste lässt sich problemlos verlängern und ist Symptom für ein weit verbreitetes Studentenleiden: Aufschieberitis.

Dagegen ankämpfen, lohnt nicht. Das meint zumindest Kathrin Passig, die Autorin eines Buches mit dem vielversprechenden Titel: "Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin". Denn zwingen könne sich der disziplinlose Student ohnehin nicht. "Der zeitliche Druck muss da sein, sonst fangen die meisten Studenten nicht an." Diese Erkenntnis ist nicht gerade neu. Aber laut Passig ist das Arbeiten auf den letzten Drücker nicht einmal besonders verwerflich.

"Es ist bewiesen, dass genau die Studenten schneller ans Ziel kommen, die sich ihr privates Leben nicht komplett versagen", erklärt die Berlinerin. Sie selbst habe ihre Abschlussarbeit freitags angefangen und am Mittwoch darauf abgegeben. In der Phase der Torschlusspanik einzusteigen, sei gar nicht schlimm. "Man fängt so oder so zu spät an. Gesteht man sich das nicht ein, ist die Qual in der freien Zeit, in der man denkt "Ich müsste jetzt anfangen...", umso größer."

Die Arbeit auf den letzten Drücker produziere jedoch eine Menge negativen Stress, den man durchaus vermeiden kann, meint Persönlichkeitscoach Monika Birkner in Frankfurt/Main. "Wer zügig seine Aufgaben erledigt, umgeht die Angst vor dem großen Berg an Arbeit, der sich aufstaut." Bei einer Abschlussarbeit an der Universität ist das gar nicht so einfach, zumal sich Bücher und Unterlagen schon am ersten Tag auf dem Schreibtisch stapeln.

In diesem Fall sei es wichtig, sich einen detaillierten Plan zu erstellen. "Wieviel Umfang soll die Arbeit haben? Wie lange brauche ich dafür? Die ungeliebte Pflicht kann man in kleine Portionen aufteilen, jeden Tag ein bisschen", sagt Birkner. Doch das heißt gleichzeitig, sich jeden Tag aufs Neue zu motivieren. "Da hilft es zum Beispiel, Routine ins Arbeitsverhalten zu bringen: Jeden Tag von 8 bis 12 Uhr setzt man sich ran." Da könne auch der Kontrollanruf eines Freundes Wunder bewirken.

Jeder fünfte Student gibt seine Examensarbeit niemals ab

Nach Angaben von Kathrin Passig geben etwa 20 Prozent der Studenten ihre Abschlussarbeiten niemals ab, weil sie einfach nicht damit fertig werden. Wenn das ständige Aufschieben dazu führt, dass die eigenen Ziele überhaupt nicht mehr erreicht werden können, steckt oft mehr dahinter als mangelnde Selbstdisziplin. "Dann sollten Studenten Gesprächsmöglichkeiten ihrer Universität in Anspruch nehmen", sagt Wenzel Peters von der allgemeinen Studienberatung der Universität Marburg.

"Es gibt kein Pauschalrezept für solche Blockaden", so Peters. Wenn das Prokrastinieren problematisch wird, könne das ganz unterschiedliche Ursachen haben. "Einige Studenten wissen beispielsweise nicht, wie Zeitmanagement funktioniert. Oder sie haben nie gelernt zu lernen und sind unstrukturiert." Auch wird einigen Studenten erst bei der Bachelor- oder Diplomarbeit bewusst, dass ihr Fach nicht das Richtige für sie ist.

Persönlichkeitstrainerin Monika Birkner kennt solche Ängste vor Misserfolgen. Fälle, die eine längerfristige psychologische Behandlung erfordern, seien jedoch selten. "In bestimmten Situationen ist jeder anfällig für das Aufschieben. Aber Disziplin kann man lernen." Dazu sollten die Ziele am Anfang nicht zu hoch gesteckt werden. Eine Viertelstunde ungeliebte Arbeit verrichten, kann zu Beginn ausreichen. "Ist der Anfang erst gemacht, geht alles viel einfacher. Und mit ein wenig Routine kommt dann die Gewohnheit."

Nicht auf Freizeitspaß verzichten

Falsch wäre es, sich jegliche Freizeitaktivität zu verbieten. In dieser Hinsicht sind sich die Experten einig. Birkner mahnt dennoch zum Mindestmaß an Disziplin: "Bis um 2.00 Uhr in der Nacht feiern, geht eben nicht, wenn ich am nächsten Tag früh wieder mit der Arbeit beginnen will." Kathrin Passig jedoch glaubt, dass sich der Prokrastinationsdrang immer irgendwie durchsetzen wird, solange der äußere Druck fehlt: "Sich in einem Ferienhaus ohne Internet zu zwingen, nur noch an die Arbeit zu denken, bringt nichts. Irgendeine stupide Beschäftigung fällt einem immer ein."

Andererseits kann Prokrastination auch produktiv sein. Der Mensch suche sich nämlich immer neue Beschäftigungen, um der unliebsamen Pflicht zu entkommen. So kann der Haushalt plötzlich ganz leicht von der Hand gehen. Und wann geht es an die Bachelorarbeit? "Wenn die Arbeit zeitlich beinahe gar nicht mehr zu schaffen ist oder wenn der Student eine noch unangenehmere Aufgabe findet. Dann ist die Bachelorarbeit nicht mehr die größte Qual", sagt Passig. Na dann viel Erfolg auf der Suche nach dem nächsten Prokrastinationsgrund.

Literatur: Kathrin Passig, Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin, Rowohlt, ISBN: 978-3-8713-4619-4, 19,90 Euro; Otto Kruse: Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium, Campus, ISBN: 978-3-5933-8479-5, 16,90 Euro; Hans-Werner Rückert: Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen, Campus, ISBN: 978-3-5933-8144-2, 17,90 Euro.

Quelle: tmn

 
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