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Hauptschulen auf dem Prüfstand: Bundesweit gibt es Rütli-Schulen

zuletzt aktualisiert: 31.03.2006 - 15:25

Berlin (rpo). Der Hilferuf des Lehrerkollegiums der durch Gewaltexzesse erschütterten Rütli-Schule in Berlin-Neukölln ist wohl nur die Spitze des Eisberges. Bundesweit gibt es zahlreiche Schulen, mit ähnlichen Problemen. Und so hat der Fall eine bundesweite Debatte über Bildung und Integration ausgelöst. In Neukölln selbst bezog die Polizei am Freitag Stellung vor der Rütli-Schule.

Im Mittelpunkt der Kritik stand dabei am Freitag erneut das dreigliedrige Schulsystem. Als Maßnahme gegen Gewalt und Chaos an Schulen forderten Unionspolitiker zudem ein härteres Durchgreifen gegen gewalttätige Schüler.

Quer durch die Parteien wurden verstärkte Integrationsbemühungen von und für Migranten verlangt. Der Berliner Bildungssenator Klaus Böger (SPD) wies den Vorwurf zurück, er habe zu spät auf die Missstände an der Rütli-Schule im Problembezirk Neukölln reagiert. Dort zeigte die Polizei am Freitag Präsenz.

Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), nannte die Vorkommnisse an der Schule besorgniserregend. "Es ist absolut untragbar, dass eine Schule als Inbegriff der öffentlichen Einrichtung zu einem rechtsfreien Raum wird, in dem Gewalt, Respektlosigkeit und Anarchie herrschen", erklärte sie nach einem Besuch in Neukölln.

"Nicht länger tabuisieren"

Jungen männlichen Migranten müsse eine Bildungs- und Berufsperspektive aufgezeigt werden. Zudem müssten Eltern von gewaltbereiten Jugendlichen stärker angehalten werden, ihre Erziehungsverantwortung wahrzunehmen.

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) forderte, Integration "endlich zu einer nationalen Angelegenheit" zu machen. "Die wachsende Kriminalität ausländischer Jugendlicher darf nicht länger tabuisiert werden", erklärte er in Berlin. Der Berliner CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger vertrat die Auffassung, in New York seien Verhältnisse wie an der Rütli-Schule längst "mit Durchgreifen" beendet worden.

Jugendliche, die mehrfach wegen Straftaten aufgefallen seien, müssten notfalls abgeschoben werden, sagte er dem "Tagesspiegel" vom Freitag. Auch Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) sagte der "Netzeitung", wer sich nicht integrieren wolle, "tut uns einen Gefallen, wenn er wieder geht".

Dagegen warnte der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz vor einer "hysterischen Debatte" über Konsequenzen. Der Hilferuf der Schule dürfe nicht mit "billigen Schuldzuweisungen und Aktionismus" beantwortet werden, sagte er der "Netzeitung". Es sei wenig sinnvoll, mit "pauschalen Erklärungsmustern" zu argumentieren oder das Thema "parteipolitisch auszubeuten und zu instrumentalisieren". Schönbohms Äußerungen wies Wiefelspütz scharf zurück.

"Kapituliert vor der Gewalt der Schüler"

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) warb anlässlich des Wirbels um die Rütli-Schule für ein integriertes Schulsystem. "Das Einsortieren in verschiedene Schularten führt zur Ghettoisierung und verstärkt die soziale Selektion", erklärte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne. Dagegen erklärte Kauder, wer die Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems fordere, "kapituliert vor der Gewalt der Schüler." Der niedersächsische Bildungsminister Bernd Busemann (CDU) sprach sich für ein differenziertes Vorgehen aus: "Denn durch Wegorganisieren der Hauptschulen, was manche vorschlagen, sind die jungen Menschen nicht weg", sagte er im NDR.

Die Berliner Polizei stellte zunächst sechs Beamte zum Dienst in und vor der Rütli-Schule ab. Die Polizisten führten Gespräche mit Schülern und Lehrern. Noch offen war, ob sie auch in den kommenden Wochen stärker Präsenz zeigen sollten. Auf Zugangs- und Taschenkontrollen wurde verzichtet. Ein "prinzipielles Waffenproblem" gebe es in der Schule nicht, sagte Böger zur Begründung im TV-Sender N24.

Im ZDF sagte der Berliner Schulsenator, er habe erst am Donnerstag von dem Brief des Lehrerkollegiums der Rütli-Hauptschule erfahren. Der Brief sei an einen Schulrat in einem Außenbezirk gegangen; daher habe er nicht vorher davon Kenntnis gehabt. Zudem könne er in Berlin "kein generelles gesellschaftliches Problem über die Hauptschulen wegarbeiten". "Diese Gesellschaft hat ein massives Problem in der Integration", sagte der Schulsenator. Die Rütli-Hauptschule sei "ein Ausreißer in dieser Extremsituation".

Die Lehrer der Rütli-Schule hatten sich in einem Brief an den Senat über Gewalttätigkeiten in außergewöhnlichem Ausmaß beklagt. Sie hatten gefordert, die Schule in ihrer jetzigen Form aufzulösen.

löw/bk

AFP

Quelle: afp2

 
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