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Belästigung und Beleidigung: Der Feind in meinem Net: "StudiVZ" in Verruf

VON CHRISTIAN HERRENDORF - zuletzt aktualisiert: 19.01.2007 - 09:19

Berlin (RP). So genannte Herrenclubs belästigen weibliche Mitglieder, der Datenschutz weist Lücken auf, und die Gründer fallen durch peinliche Witze auf. Die Idee klingt so nett: Studenten aller Unis schließen sich in einem Internet-Netzwerk zusammen. Im "StudiVZ" tragen sie Hobbys, Studien- und Heimatorte ein, finden so neue Freunde oder alte wieder und plaudern mit allen fröhlich auf der digitalen Plattform. Die Wirklichkeit begann auch nett, Die Wirklichkeit ging aber gar nicht nett weiter. ...

Den Studenten gefiel die Idee offenbar gut, im Sommer meldete "StudiVZ" ein schnelleres Wachstum als das Wirtschafts-Netzwerk "Open BC". Bis zu 5.000 Nutzer registrierten sich täglich neu, die Zahl der Mitglieder kletterte nach Angaben von "StudiVZ" über die Grenze von einer Million. Entsprechend fand das Start-up-Unternehmen aus Berlin auch in der Wirtschaft Fans.

Doch dann: Mehrere Blogger entdeckten Lücken beim Datenschutz. Ohne großen Aufwand schafften sie es, auf Freundeslisten und Pinnwände (Gästebücher) der Nutzer zuzugreifen oder sich deren komplette Fotoalben anzugucken. Parallel dazu gerieten die Betreiber des Netzwerkes in die Kritik. Sie kauften Konkurrenten Domains weg und prophezeiten großmäulig, dass es bald keine Konkurrenz mehr gebe.

Gründer Ehssan Dariani, der VWL in St. Gallen studiert, veröffentlichte darüber hinaus bizarre Videos von Frauen aus der U-Bahn und auf einer Toilette. Außerdem sicherte er sich die Adresse voelkischerbeobachter.de, überarbeitete dort das Titelblatt der rechtsextremen Zeitung und lud mit dem "Kampfblatt der Vernetzungsbewegung Europas" zu einer Party ein.

Virenverseuchte PC

Fast die Hälfte der von Männern genutzten PCs ist virenverseucht. Frauen achten mehr auf Sicherheit, bei ihnen sind es nur 38%. Und während 8% der Männer schon einmal in eine Phishing-Falle getappt ist, sind es nur halb so viele Frauen. Das liegt daran, dass Frauen sich mehr Gedanken um die Gefahren des Internets machen.

Den nächsten Höhepunkt in der Serie peinlicher Pannen verursachte ein so genannter "Herrenclub" innerhalb des Netzwerks. Rund 700 Nutzer schlossen sich darin zusammen, um "geile Schnitten rauszusuchen" und monatlich die "Miss StudiVZ" zu wählen. Bitter für die Gewinnerin, denn anschließend "gruschelten" die Juroren ihre Favoritin. Den Begriff "Gruscheln" haben die Betreiber erfunden für einen virtuellen Gruß, mit dem Flirtwillige einander kontaktieren können. Die "Gruschel"-Mails nervten die jeweilige "Miss StudiVZ" derartig, dass sie sich von den Cyber-Stalkern und dem kompletten Netzwerk verabschiedete.
 
Inzwischen sind die Chefs des Unternehmens wieder sehr nett. Sagt zumindest ihre Sprecherin. Für ein Interview seien Herr Dariani und seine Mitstreiter in diesen Tagen leider nicht zu erreichen. Fragen unserer Zeitung würden aber gerne per E-Mail beantwortet. Zu den Datenschutz-Problemen erklärte Nadin Eule-Mau von "StudiVZ": "Wir haben Experten beauftragt, die unser System kontinuierlich nach Sicherheitslücken absuchen. Was im Rahmen des Auditing-Prozesses auffällt, wird selbstverständlich behoben." Den Nutzern würden "in Kürze" Informationen zur Verfügung gestellt, in denen das Unternehmen die Art der eingestellten Daten und den Umgang damit erläutern werde.

Neuer Verhaltenskodex

Die neue polizeiliche Kriminalitätsstatistik ist eindeutig: Internet- und Computer-Betrügereien haben im vergangenen Jahr stark zugenommen (plus 11,9 Prozent). Bei den rund 16.000 Straftaten entsteht jedes Jahr ein Schaden von etwa 100 Millionen Euro.

Dass "Personen mit zweifelhaften Motiven eine Gruppe gründen und dort inakzeptable Inhalte einstellen" würden die Betreiber nicht zulassen, "auch wenn es sich um Einzelfälle handelt", heißt es in der E-Mail weiter. Grundsätzlich gingen die Betreiber Hinweisen aus dem Netzwerk nach und löschten Inhalte, "wenn dies angezeigt ist". Am Ende klingen die Gründer doch ziemlich kleinlaut. Ihr Portal sei rasant gewachsen, die technischen und inhaltlichen Grundlagen hätten mit dem unternehmerischen Wachstum nicht mithalten können.

"StudiVZ" werde nun mit den Nutzern einen Verhaltenskodex erarbeiten. Gemeinsam wollen sie Regeln für den Umgang miteinander, den Umgang mit Bildern und die Inhalte von Gruppen erarbeiten. Nette Idee.

Mittlerweile an Holtzbrinck verkauft

Mittlerweile hat die Holtzbrinck-Verlagsgruppe hat das Online-Studentennetzwerk StudiVZ übernommen. Der Kaufpreis liegt Medienberichten zufolge bei 85 Millionen Euro. Der Verlag hielt vorher bereits als Minderheitseigner Anteile an dem Unternehmen. Der "Spiegel" berichtet, der Kaufpreis habe bei 100 Millionen Euro gelegen. Holtzbrinck wollte sich zu dem Kaufpreis nicht äußern.


 
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