Berlin: Deutschpflicht auf Schulhof sorgt für Empörung
zuletzt aktualisiert: 24.01.2006 - 18:54Berlin (rpo). Eine Realschule in Berlin-Wedding geht neue Wege, um ihren fremdsprachigen Schülern die Integration zu erleichtern: Ein Verbot in der Hausordnung untersagt den Schülern, auf dem Schulhof und bei Schulveranstaltungen eine andere Sprache als Deutsch zu benutzen. Die Maßnahme sorgt in Berlin für heftige Debatten.
In anderen Bundesländern wird das Verbot ausländischer Sprachen wohl keine Nachahmer finden. Sachsen und Nordrhein-Westfalen äußerten am Dienstag zwar Verständnis für die Verpflichtung zum Deutschsprechen, schlossen aber eine solche Regelung für ihr Bundesland aus. Das bayerische Kultusministerium kritisierte die Regelung der Berliner Schule als Einschränkung der Persönlichkeitsentfaltung.
Die Berliner Herbert-Hoover-Realschule, bei der die Quote von Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache bei mehr als 90 Prozent liegt, verpflichtet ihre Schüler, auf dem Schulhof und bei Schulveranstaltungen nur Deutsch zu sprechen. Der Beschluss war bereits im vergangenen März gefasst worden. Nachdem am Wochenende darüber berichtet worden war, wurde Empörung laut. Während die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) und auch die Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus das Verbot verurteilten, begrüßten Bildungssenator Klaus Böger (SPD) und der Deutsche Lehrerverband die Maßnahme ausdrücklich.
Das sächsische Kultusministerium bezeichnete die Verpflichtung zum Deutschsprechen wegen des hohen Ausländeranteils in Berlin als nachvollziehbar. In Sachsen sei dies aber wegen der ganz anderen Zusammensetzung der Bevölkerung nicht notwendig.
NRW setzt auf Sprachförderung
Ein Sprecher des Schulministeriums in Nordrhein-Westfalen erklärte, es gebe bessere Wege zur Integration ausländischer Schüler, etwa die vorschulische Sprachförderung. Dagegen begrüßte Integrationsminister Armin Laschet die Maßnahme der Berliner Schule. Er lehne zwar ein landesweites Verbot von Fremdsprachen auf dem Schulhof ab, sagte der CDU-Politiker den "Westfälischen Nachrichten". "Doch ich wüsste nicht, was dagegen spricht, die Schüler zum Deutschreden zu verpflichten, wenn Lehrer, Schüler und Eltern dies einvernehmlich, gemeinsam beschließen und wenn die Integration damit gefördert wird."
Auch die schleswig-holsteinischen Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave steht derartigen Regelungen offen gegenüber: "Sofern sich eine Schule, im Einvernehmen von Lehrkräften, Eltern und Kindern auf grundsätzliche Leitlinien zur Nutzung von Deutsch an der Schule verständigt, ist das zu begrüßen", erklärte die SPD-Politikerin. In Schulen ihres Bundeslandes seien aber solche Initiativen kein Thema.
Das bayerische Kultusministerium kritisierte dagegen das Verbot. Die Behörden begrüßten es zwar, wenn Schüler mit Migrationshintergrund auch in den Pausen die Gelegenheit nutzten, die deutsche Sprache anzuwenden: "Aber vorzuschreiben, dass nur noch Deutsch gesprochen wird, ist sehr stark mit Fragezeichen zu versehen."
Keine Regelungen in anderen Ländern
In Rheinland-Pfalz ist nach Angaben des Bildungsministeriums landesweit keine Schule bekannt, die ein Verbot ausländischer Sprachen auf dem Schulhof angeordnet hat. In Hamburg ist es nach Angaben der Schulbehörde möglich, dass Eltern, Lehrer und Schüler in der Schulkonferenz eine Regelung wie in Berlin einführten. Pläne dafür seien aber nicht bekannt. In Baden-Württemberg, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern ist eine solche Regelung für die Ministerien kein Thema.
Die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, begrüßte die Deutschpflicht. "Gerade an Schulen mit einem hohen Anteil von Migrantenkindern ist diese Selbstverpflichtung angemessen, um das sprachliche Lernumfeld zu erweitern und Deutsch im Alltag der Schülerinnen und Schüler stärker zu verankern", erklärte die CDU-Politikerin. "Es würde mich freuen, wenn dieses Beispiel Schule macht", sagte Böhmer.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport,
Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder,
Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.








