Helmut Hochschild: Dieser Rektor soll Rütli retten
VON SIMONE DURCHHOLZ UND SANDRA KAISER - zuletzt aktualisiert: 05.04.2006 - 12:18Berlin (RP). Der erfahrene Hauptschullehrer Helmut Hochschild übernimmt für drei Monate die kommissarische Leitung der als Hass-Schule in die Schlagzeilen gekommenen Rütli-Hauptschule. Wer ist der Mann, der diesen bestimmt nicht beneidenswerten Job angenommen hat? Ein Porträt.
Für seinen Auftritt vor der Presse hat Helmut Hochschild die Bikerkluft, in der er gerne durch Berlins Straßen braust, gegen Hemd und Sakko getauscht. Beim Anblick der Kameras und klickenden Fotoapparate scheint sich der neue kommissarische Schulleiter der Neuköllner Rütli-Schule allerdings einen Motorrad-Helm zu wünschen, dessen Visier er schützend herunterklappen könnte.
Unruhig wandert sein Blick zwischen den Menschen hin und her, die gekommen sind, um zu erfahren, wie der 49-Jährige die Gewalt an der Hauptschule in den Griff bekommen will. „Falls Sie es noch nicht wissen, ich bin nicht der Bundeskanzler, nur Schulleiter“, sagt er schließlich schmunzelnd zu den eifrigen Fotografen und hat damit die Lacher auf seiner Seite.
Als Helmut Hochschild beginnt, über seine neue Aufgabe zu sprechen, lehnt er sich lässig in seinem Stuhl zurück. Nach 25 Jahren als Lehrer und 13 Jahren als Schulleiter an einer Hauptschule im Berliner Stadtteil Reinickendorf weiß er, wovon er spricht. „Ich will nicht das Rad neu erfinden“, betont er. „Erst einmal muss Ruhe einkehren, damit wir wieder ungestört arbeiten können.“ Die Schule aufzulösen, wie es das Kollegium in seinem Brandbrief vorgeschlagen hat, lehnt er ab. Stattdessen bemüht er sich offenkundig, die Öffentlichkeit nach der Aufregung der letzten Tage zu beruhigen.
Keine Wunder
Dass er in den drei Monaten bis zu den Sommerferien keine Wunder bewirken kann, ist Hochschild bewusst. Der Mann mit dem hageren Gesicht, in dem sich die Lachfalten deutlich abzeichen, setzt dort an, wo es am dringendsten ist. Das unterbesetzte Lehrerkollegium will er so schnell wie möglich aufstocken. „Bei der Auswahl zählt weniger die Fachkompetenz, als vielmehr pädagogisches Geschick“, betont er und fährt sich durch das nicht mehr ganz dunkelblonde Haar. Beim Sprechen lässt er ab und zu seinen Berliner Dialekt anklingen, als wolle er signalisieren: „Hey, ich bin in Reinickendorf geboren, ich weiß, worum es geht.“
Was er weiß ist, dass feste Regeln unerlässlich sind. So dürfen Schüler an seiner bisherigen Schule auch mit 16 Jahren nur mit schriftlicher Einwilligung ihrer Eltern rauchen. „Ich schließe mit meinen Schülern Verträge, in denen genau steht, was passiert, wenn sie die Regeln brechen,“ sagt Hochschild, der sich als Vater zweier erwachsener Kinder als Erziehungsexperte bezeichnet. Kommt es zu Verstößen, ist seiner Meinung nach das Prinzip der Wiedergutmachung erfolgversprechender als klassische Strafmaßnahmen. Das Wichtigste aber sei, zeitnah und entschlossen zu reagieren.
Einen Namen gemacht
Einen Namen hat sich Helmut Hochschild in der Berliner Schullandschaft mit den Schülerfirmen gemacht, die er an seiner Schule ins Leben gerufen hat. In „Möbel & Design“ oder der „Textilwerkstatt“ können die Jugendlichen nachmittags handwerkliche und kaufmännische Grundkenntnisse erlernen. „Dabei erweisen sich gerade die Schüler, die im Unterricht unangenehm auffallen, als talentiert und engagiert“, berichtet Hochschild, der bis vor Kurzem Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Berlin mit dem Spezialgebiet „Umgang mit Gewalt in der interkulturellen Jugendhilfe“ war.
Was sich der neue Direktor sonst noch wünscht: eine engere Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Für die nächsten Monate stehen ihm zwar drei Sozialarbeiter zur Seite. Doch danach wird die Rütli-Schule wohl ohne ihre Unterstützung auskommen müssen. „Ich habe vor sieben Jahren eine Schule in Malmö besucht. Dort waren Sozialarbeiter an Schulen normal. Doch hier ist das kaum finanzierbar“, bedauert Hochschild.
Auf jeden Fall möchte er die Eltern mehr in den Schulbetrieb einbeziehen. Ihm schwebt ein spezielles Elterntraining vor, mit dem andere Schulen bereits gute Erfahrungen gemacht haben. Ein erster Schritt ist getan. Gestern war die Elternschaft zu einem Gespräch in die Schule eingeladen.
Als Hochschild schließlich den Raum verlässt, bahnt er sich freundlich, aber bestimmt seinen Weg durch die Kameras und Reporter. Jetzt will er keine Fragen mehr beantworten, sondern das tun, was an der Rütli-Schule lange versäumt wurde: Handeln.
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