Größte Deutschstunde der Welt: Ein Abend für die Sprache
zuletzt aktualisiert: 14.03.2006 - 13:45Köln (rpo). In den Sitzreihen raschelten die Schüler mit Chipstüten und Schokoladenpapierchen. Manche tippten eine SMS ins Handy, andere tuschelten und lachten. Und das alles mitten im Unterricht! Doch die "größte Deutschstunde der Welt", die Sprachverteidiger Bastian Sick am Montagabend in der Kölnarena abhielt, war ja auch etwas Besonderes.
Die fast zweieinhalbstündige Show während des 6. Kölner Literaturfestivals lit.cologne soll als "größte Deutschstunde der Welt" ins Guinnessbuch der Rekorde eingehen. Im Publikum gingen Unterschriftenlisten herum, Fotografen machten Beweisbilder, die die Juroren überzeugen sollen. Knapp 15.000 Zuschauer, darunter zahlreiche Schulklassen mit ihren Lehrern, erlebten die größte Schulstunde aller Zeiten.
Star des Abends: die deutsche Sprache
Trotz geballter Prominenz auf der Bühne: Star des Abends war die deutsche Sprache. Man darf annehmen, dass die meisten im Publikum den zweibändigen Bestseller "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" von Bastian Sick gelesen haben. Anders ist der frenetische Beifall, den der "Spiegel-Online"-Autor bei seinen mehrmaligen Kurzauftritten auf der Bühne erntete, kaum zu erklären. Sick las Kapitel aus seinen beiden Büchern, brachte das Publikum mit unterhaltsamen Ausflügen ins Lautsprecherdeutsch oder in die Welt der Anglizismen zum Lachen.
WDR-Moderator Frank Plasberg lieferte sich ein schlagfertiges Rededuell mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU). Moderatorin Bettina Böttinger und der Torwart des FC Schalke 04, Frank Rost, tauschten Stilblüten von Fußballern aus.
Zu Aldi oder nach Aldi?
Die Comedy-Stars Cordula Stratmann und Annette Frier verzweifelten in einem Sketch, der in einem italienischen Restaurant spielte, über der Frage, ob es "zwei Pizzen" oder "zwei Pizze", "zwei Cappuccinos" oder "zwei Cappuccini" heißt. Und der russische Schriftsteller Wladimir Kaminer berichtete von seinen ersten desillusionierenden Erfahrungen mit der deutschen Sprache: "Das fing schon in der Schule an: Die Englischlehrerin war eine attraktive Blondine mit erotischer Stimme, die Deutschlehrerin eine alte Frau mit grauem Zopf und selbst gehäkelter Jacke. Wir nannten sie 'große alte Krähe'."
Inzwischen aber, so Kaminer, liebe er die deutsche Sprache: "Die ist wie ein Legobaukasten: Man kann fast alle Substantive miteinander kombinieren, und dann kommen so schöne Wörter heraus wie Kurzfahrstrecke oder Ausstiegsgelegenheit." Und zum Schluss der Show ließ der Moderator der "größten Deutschstunde", Thomas Bug, die 15 000 Zuschauer im Chor wiederholen: "Es heißt: 'Ich gehe zu Aldi', nicht: 'Ich gehe beim Aldi'". Und weiter: "Wohl aber: 'Ich gehe beim Aldi klauen.' Aber das macht man ja nicht. Und wer jetzt noch einmal 'Ich gehe nach Aldi' sagt, der fliegt raus!"
Unterstützt wurde das einzigartige Deutsch-Projekt vom Düsseldorfer Schulministerium. Ministerin Barbara Sommer (CDU) unterzog denn auch persönlich auf der Bühne drei Lehrer einem Grammatiktest mit zehn Fragen. Ein Kölner Gymnasiallehrer siegte und gewann für seine Klasse einen Satz Bücher von Bastian Sick. Eine Live-Aufnahme der "Größten Deutschstunde der Welt" ist ab dem 20. März als Hörbuch im Handel erhältlich.
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