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Ritalin boomt: Gedopt in die Klausur

VON ANDREA RACHUY - zuletzt aktualisiert: 28.04.2010 - 10:50

Düsseldorf (RP). Immer mehr Studenten greifen zu Ritalin, um dem Leistungsdruck stand zu halten. Doch das Medikament hat schwere Nebenwirkungen. Ein Erfahrungsbericht.

Es ist die achte Klausur innerhalb von zehn Tagen. Kosten- und Leistungsrechnung lautet das Thema, und zur Vorbereitung bleibt nur ein Wochenende. Dennis (Name geändert) kann nicht mehr. Er studiert Wirtschaftspsychologie im dritten Semester, und er weiß nicht, wie er sich nach dem ganzen Stress der vergangenen Tage schon wieder aufs Lernen konzentrieren sollte. Eine Kommilitonin hat eine Idee: „Lass’ uns Ritalin probieren! Damit schaffen wir’s“, sagt sie. Die junge Frau arbeitet nebenbei in einem Heim für schwer erziehbare Kinder. Somit ist das verschreibungspflichtige Medikament, das Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) verschrieben wird, schnell zur Hand.

Info
Anlaufstellen

Hier bekommen Betroffene Hilfe: Psychologische Studienberatung der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, 0211 8114934.
Suchtambulanz des LVR-Klinikums in Grafenberg, 0211 9223608.
Fachstelle für Beratung, Therapie und Suchtprävention der Caritas, 0211 16022131.
Komm-pass Drogenberatung für Suchtkranke und ihre Angehörigen, 0211 17520880.

Es folgen zwei Tage und drei Nächte, in denen Dennis und seine Kommilitonen nahezu durchpauken. Schon in der ersten Nacht schläft Dennis schlecht. Die dritte Nacht macht die Lerngruppe durch. Auf dem Weg zur Klausur am nächsten Morgen ist die Stimmung gut. Dennis und seine Freunde sitzen im Auto, sie drehen die Musik auf und fühlen sich wie auf dem Weg zu einer Party, die verspricht, ein unvergesslicher Abend zu werden. Stattdessen schreiben sie die Klausur. Es läuft gut, denkt Dennis, und verlässt bestens gelaunt die Uni. Einige Tage später das böse Erwachen: Dennis und seine Freunde haben nicht nur ein gefährliches Wochenende hinter sich – sie sind auch durchgefallen.

Ritalin ist auf dem Vormarsch in den Studentenalltag. Koffein macht wach, Vitamine fördern die Energie – doch das reicht vielen nicht mehr. Von allen Seiten strömen Anforderungen auf sie ein: Das Studium, der Nebenjob, der Zeitdruck, die schlechten Berufsaussichten. Viele haben Konzentrationsschwierigkeiten, ihre Gedanken schweifen ab zu anderen Problemen. „Macht ja nichts – ich nehme einfach eine Tablette“, denken immer mehr junge Frauen und Männer. Das Medikament, im Prinzip Kokain in geringer Dosis, gibt ihnen das Gefühl, die Sorgen verdrängen zu können und dadurch leistungsstärker zu werden.

Modedrogen gab es immer: LSD in den 1970ern, Kokain in den 80ern und Ecstasy in den 90ern. Sie verdrängten den Alltag, sorgten für Spaß und Entspannung. Statt der Spaßdrogen ist Ritalin heute so beliebt, weil es zur Pflichterfüller-Generation zu passen scheint: Der Inhaltsstoff Methylphenidat wirkt als Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer. Dopamin ist ein Botenstoff, der die menschlichen Impulse verstärkt. Wenn dieser gesenkt wird, funktioniert der Körper wie automatisiert, ist fokussiert auf eine einzelne Tätigkeit. Daher steigert Ritalin die Konzentration – und hat man einmal mit dem Medikament angefangen, braucht man es immer wieder, um sein Niveau zu halten.

Schätzungen zufolge nimmt in den USA jeder fünfte Student Ritalin oder andere Psychostimulantien. Wie viele Studenten sich in Deutschland auf diese Weise aufputschen, lässt sich nicht genau sagen. Doch laut Arzneimittelreport hat sich hier in den vergangenen zehn Jahren die Verordnung des Wirkstoffs Methylphenidat verdreißigfacht. 25 Millionen Tagesdosen von jeweils 30 Milligramm wurden verschrieben.

Und nicht nur das: Ärzte verschreiben Psychostimulantien wie Ritalin, Modafinil und Betablocker gesunden Menschen nicht so einfach. Aber es besteht die Möglichkeit, sich die Medikamente über das Internet zu besorgen, weiß Jennifer. Die 26-Jährige Psychologiestudentin hat für den AStA der Heinrich-Heine-Universität eine Vortragsreihe zum Thema Neurodoping organisiert. Sie sagt: Bei Gebrauch dieser Medikamente kann es möglicherweise zu einer Art kognitivem Tunnelblick kommen. Betroffene meinen, dass sie besser lernen, was aber nicht unbedingt der Fall sein muss.

Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Bauchschmerzen, Juckreiz und Haarausfall. Auf lange Sicht kann Ritalin zu epileptischen Anfällen und Psychosen führen. Langfristig könnten Psychopharmaka, die nicht aus mediznischen Gründen von Gesunden zur Leistungssteigerung oder Beruhigung genommen werden, nicht absehbare, langfristige Veränderungen des Hirnstoffwechsels bewirken, was je nach persönlicher Konstitution potentiell zu Gewöhnung oder psychischen Abhängigkeit fördern könnte.

Auch ist eine psychische Abhängigkeit nicht auszuschließen. „Wenn man als gesunder Mensch immer wieder Psychostimulantien nimmt, kann man sich eventuell nicht mehr vorstellen, eine Lernphase ohne Medikamente durchzustehen", sagt Jennifer.

Auch Dennis will es trotz der schlechten Erfahrung nicht ausschließen, wieder Ritalin zu nehmen. Dann aber nicht zum Lernen, sondern um zu feiern.

Quelle: RP

 
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