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Behörden reagieren hilflos: Gewalt an Schulen - ein weltweites Problem

VON TH. SPANG, M. BEERMANN, A. MAKARTSEV, F. HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 01.04.2006 - 13:16

Düsseldorf (RP). Auch in anderen Ländern wird in den Schulen immer häufiger gedroht, geprügelt und gestochen - Schulgewalt ist ein weltweites Problem. Die Behörden reagieren hilflos: Sie schicken mehr Personal in die Schulen oder zahlen Gefahrenzulage. Wir haben für Sie zusammengestellt, wie es an Schulen in den USA, in Frankreich, Russland und Großbritannien zugeht.

USA: Schule - ein sicherer Ort

Das Thema Sicherheit an US- Schulen ist stark durch die tödlichen Schießereien wie zuletzt, 2005, in einem Indianer-Reservat von Minnesota oder 1999 in Littleton, Colorado geprägt. Tatsächlich sind Schulen eine viel sicherere Umgebungen, als jeder andere Ort, an dem sich Schüler aufhalten. Nach den neusten Zahlen des US-Justizministeriums liegt die Gewaltrate außerhalb der Schule doppelt so hoch wie auf dem Schulgelände. Im Durchschnitt werden von 1000Schülern sechs Opfer von schulischer Gewalt.

Ähnliche Aussagen lassen sich auch über die Mordrate an Kindern und Jugendlichen machen. Entgegen der verbreiteten Vorstellung, wonach amerikanische Schulen hochgefährliche Orte sind, kommt auf eine Millionen Schüler rund ein Mord oder Selbstmord im Schuljahr.

Dank massiver Aufklärung und Prävention weist der Gewalt-Trend an amerikanischen Schulen seit Jahren nach unten, obwohl die Zahl von Gang-Mitgliedern und Drogenhändlern auf dem Schulhof sich nicht wesentlich veränderte.

Waffen in der Schule sind ein alltägliches Thema. So hat im Schnitt etwa jeder zehnte Neuntklässler einmal im Schuljahr eine Waffe mit auf das Schulgelände gebracht.

Frankreich: Kontaktbeamte

Zwar ist Karen Montet-Toulain längst wieder gesund. Trotzdem hat sie Angst, wieder als Kunstlehrerin an ihren Arbeitsplatz an einer Berufschule in Etampes südlich von Paris zurückzukehren. Weil sie die Mutter eines renitenten Schülers zu einer Aussprache einbestellt hatte, stach der 18-Jährige sie vor vier Monaten mit dem Messer nieder. Nur das schnelle Eintreffen des Notarztes rettete die 27-jährige Pädagogin. Die Attacke hat in Frankreich eine heftige Debatte ausgelöst.

Frankreichs Erziehungsminister Gilles de Robien schlug vor, Polizisten in die Schulen zu schicken. Die Idee war nicht neu: Schon Anfang 2004 hatte Innenminister Nicolas Sarkozy Polizisten als „Kontaktbeamte“ in die Klassenzimmer schicken wollen. Doch wie damals versandete das Projekt auch diesmal angesichts des Widerstandes der Lehrergewerkschaften.

Die meisten Brennpunkte der Gewalt liegen in einem von 600 speziell ausgewiesenen „Gebieten mit erhöhtem Erziehungsbedarf“, in die Sondermittel gepumpt werden. So erhalten Lehrer, die an einer von 5500 Schulen in diesen Gebieten unterrichten, eine Art Gefahrenzulage in Höhe von 1500Euro pro Jahr.

Auffällig: Auf rund zehn Prozent der Lehranstalten kommen mehr als die Hälfte der Gewalttaten. Ganz besonders betroffen sind Berufsschulen in sozialen Problemvierteln, die für viele Franzosen eine Art „Restschule“ darstellen.

Russland: Recht des Stärkeren

Die Gewalt an Schulen beschäftigt heute wenige Russen. Der Grund dafür ist die insgesamt relativ hohe Kriminalisierung des Lebens in dem riesigen Land, das sich seit Jahren in einem Umbruch befindet. Geprügelt wird nicht nur in den Schulen, sondern sehr oft auch in den Familien, in der Armee, auf den Polizeistationen, auf der Straße und sogar im Straßenverkehr, wo das Recht des Stärkeren gilt.

In Nischnij Nowgorod verprügelte im März eine Neuntklässlerin ihre zwei Jahre jüngere Mitschülerin. Karina aus der siebten Klasse wurde mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen. Sie kam mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Der Grund war hier die Bitte einer Englischlehrerin, der lärmenden Schülerin, die den Unterricht gestört hatte, eine Lektion zu erteilen. Gegen die Lehrerin wird strafrechtlich ermittelt.

In 2004 begingen russische Jugendliche 154 000 Straftaten, darunter rund 1500 Morde. In manchen Schulen haben neben dem Schulleiter 16-jährige „inoffizielle Schulleiter“ das Sagen, die von Mitschülern Geld eintreiben.

In einigen Schulen werden als Reaktion auf die Gewalt „Räte der Öffentlichkeit“ mit Lehrern, Eltern und Anwohnern gründet, die in der Sowjetunion verbreitet waren. In andere Lehranstalten werden Polizisten abkommandiert. Auf die Pädagogen will sich der Staat nicht verlassen. Löhne von rund 120 Euro im Monat reichen nicht, um Lehrer zu motivieren.

Großbritannien: „Ladette“

Natasha Jackman (15) hat Fürchterliches erlebt. Vor ihrer Schule in Camberley wurde sie plötzlich von drei Mädchen attackiert. Die stachen mit Scheren auf sie ein, trafen sie an der Brust, am Rücken und im Gesicht. Mit Blaulicht fuhr man sie ins Krankenhaus, um ihr linkes Auge zu retten. 29Prozent aller britischen Schülerinnen zwischen 11 und 15, so eine aktuelle Umfrage, prügeln sich mindestens einmal im Jahr mit einem anderen Mädchen. Das Phänomen heißt „Ladette“ und meint: weibliche Machos.

An Problemschulen, oft in vernachlässigten Innenstadtbezirken, grassiert die Gewalt. Als der „Guardian“ ein paar Teenager neulich nach ihren Zukunftserwartungen fragte, gab eine 15-Jährige zu Protokoll: „Wenn ich Mutter bin, wird wohl jeder Grundschüler ein Messer bei sich haben“.

Zwar wird streng kontrolliert, aber nicht so genau, um die Schulen wirklich waffenfrei zu machen. Die meisten Zwischenfälle passieren auf dem Hof. Es ist ein Kinderspiel, ein Küchenmesser irgendwo zu verbuddeln oder es durch den Zaun zu schmuggeln.

Quelle: Rheinische Post

 
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