Qualitätsoffensive: Hauptschulpreis geht ins Sauerland
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 11.05.2007 - 11:32Berlin/Möhnesee (RP). Der Deutsche Hauptschulpreis ging diesmal nach Möhnesee in Nordrhein-Westfalen. Die Sauerländer Lehrer haben das Rad nicht neu erfunden - aber Bekanntes stark systematisiert.
Die wohl schönste Idee dieser Schule ist die „Kompetenzmappe“: persönliche Mappen, in denen die Schüler ab Klasse fünf all das dokumentieren, was sie gut können, was ihnen Spaß macht, was sie besonders beschäftigt. Sei es Schach oder ein Musikinstrument, sei es ein Aquarium, Nachbarschaftshilfe oder die liebevolle Pflege der Großmutter. „Es geht darum, das Selbstbewusstsein unserer Schüler zu stärken und ein Bild ihrer Fähigkeiten zu bekommen“, sagt Norbert Bohlemann, Konrektor der Möhnesee-Hauptschule. Die Schule wurde gestern von Bundespräsident Köhler zur besten Hauptschule Deutschlands gekürt.
Was ist so gut an dieser Schule mit ihren 250 Schülern und 16 Lehrern im sauerländischen Möhnesee? Die Schule habe ein umfassendes Konzept zur Berufsorientierung ab Klasse 5 etabliert, heißt es in der Begründung der 14-köpfigen Jury mit Fachleuten aus Schule, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Dahinter steht eine Strategie, der im Prinzip alle Hauptschulen folgen - die Schule in Möhnesee aber offenbar sehr systematisch. Die Sauerländer haben also das Rad nicht neu erfunden, sondern Bekanntes gebündelt und verstärkt.
Beispiele:
Tests Die Schüler durchlaufen praktisch in jedem Schuljahr Bildungs- und Berufswahltests, in denen Begabungen und Fähigkeiten ermittelt werden - von Persönlichkeitsmerkmalen bis hin zu handwerklichem Können. Es geht immer auch darum, die Kinder und Jugendlichen zu ermutigen, ihre starken Seiten zu entdecken und auch zu zeigen. So können die Schüler bei Veranstaltungen wie der „Arena der unbegrenzten Möglichkeiten“ Spezialkenntnisse (etwa aus Vereinen) der Schulfamilie präsentieren.
Partner Tests, Berufspraktika, Wahlpflicht-Kurse oder Arbeitsgemeinschaften werden nach Möglichkeit mit Partnern aus der örtlichen Wirtschaft realisiert. Den Anfang machten in Möhnesee vor Jahrzehnten pensionierte Handwerker, die in der Schule unterrichteten - heute sind auch Architekten oder Maschinenbauer aus regionalen Unternehmen präsent, oft ehrenamtlich; „das könnten wir sonst nicht bezahlen“, erläutert Konrektor Bohlemann. Er schätzt auch die erzieherische Wirkung der Gastdozenten: „Es ist wichtig, dass die Schüler Rückmeldungen von außen bekommen, wie sie wirken und welche Anforderungen in der Berufswelt an sie gestellt werden.“ Systematisch wird zudem der Kontakt zu Ex-Schülern gepflegt, die den Jüngeren von ihren Erfahrungen berichten.
Schulbüro Eine Besonderheit ist das „SchulCenter für Berufs- und Arbeitsweltorientierung“, ein Büro, das für die Schüler und Eltern ständig Anlaufstelle ist, wenn sie eine Lehrstelle suchen (per Internet), Bewerbungsschreiben aufsetzen oder vor Einstellungsgesprächen stehen. Entscheidend ist die Botschaft: Die Lehrer sind da, es hilft jemand. Das passiert praktisch an allen Hauptschulen - die Büro-Situation erleichtert aber offenbar die Akzeptanz des Hilfsangebotes. Der Erfolg gibt den Sauerländern Recht: Die Übergangsquoten derer, die nach der Schule eine Lehre finden, liegt bei bis zu 80 Prozent. Konrektor Bohlemann räumt ein, dass das Konzept nur bedingt auf Hauptschulen in Städten zu übertragen ist. „Jede Schule muss im Rahmen ihrer Bedingungen den besten Weg finden. Unsere Frage war: Was können wir hier im ländlichen Raum tun, um unsere Schüler möglichst bald mit der Berufswelt in Kontakt zu bringen?“
Er sagt selbstbewusst, dass seine Schule ein Beispiel sei für die vielen Hauptschulen, in denen hervorragend gearbeitet werde. Bohlemann wünscht sich, dass die Debatte um die Abschaffung der Hauptschule endet. „Die permanente Debatte um die Zukunft der Hauptschule wird den Leistungen dieser Schulform absolut nicht gerecht.“
1. Bundespreis: Möhnesee-Schule, Nordrhein-Westfalen
2. Bundespreis: Hauptschule Weinbergerstraße in Neumarkt, Bayern
3. Bundespreis: Grund- und Hauptschule Schafflund, Schleswig-Holstein
4. Rang: Fasanenhofschule Stuttgart, Baden-Württemberg
5. Rang: Carl-Stahmer-Hauptschule in Georgsmarienhütte, Niedersachsen
6. Rang: Carl-Friedrich-Zelter-Schule, Berlin
7. Rang: Regionale Schule Contwig, Rheinland-Pfalz
8. Rang: Pestalozzi-Mittelschule in Wilkau-Haßlau, Sachsen
9. Rang: Staatliche Regelschule Kerspleben, Thüringen
10. Rang: Schule im Emsbachtal in Brechen, Hessen
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