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Interview mit einem Bildungsforscher: Hochschulen brauchen Marketing

VON BERTRAM MÜLLER FÜHRTE DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 14.03.2012 - 09:11

Düsseldorf (RPO). Was muss sich ändern an den deutschen Hochschulen? Und wie sieht idealerweise ihre Zukunft aus? Heiner Barz, Bildungsforscher an der Uni Düsseldorf, gibt Antworten – unter anderem zu den Themen E-Learning, Korrekturen der Bologna-Reform und Praxisbezug des Studiums.

Einerseits gehört längst der Laptop zur unabdingbaren Ausrüstung eines jeden Studierenden; andererseits gibt es wie eh und je Vorlesungen, obwohl sich der Stoff auch elektronisch vermitteln ließe. Wie modern sollte heute eine Hochschule sein?

Barz: "Meines Erachtens hat die Vorlesung auch in Zukunft ihren Platz. Ich sehe keine Alternative. Denn die Vorlesung ist der Ort, an dem tradiertes Wissen, der Forschungsstand, aber auch neue Forschungsmethoden und -ergebnisse vom Hochschullehrer aktuell aufbereitet und lebendig, auch mit Bezug auf Tagesaktualität weitergegeben werden.

Im Idealfall.

Barz Genau. Natürlich gibt es Hochschullehrer, die seit 20 Jahren dieselbe Mappe mit Skripten aus der Tasche ziehen oder dieselben Power-Point-Folien zeigen. Der größere Teil der Hochschullehrer bereitet seine Vorlesungen aber ordentlich vor. Dass sich die Vorlesung auf elektronischem Wege ersetzen ließe, glaube ich jedenfalls nicht. Vieles lässt sich durch ELearning verbessern oder anreichern. Eine Vorlesung kann dadurch gewinnen, dass die Studenten sich schon mal einen Text, eine Simulation angeschaut haben. Das wird zum Beispiel in der Medizin genutzt, wo in der Vorlesung Patienten vorgestellt werden und ein bestimmtes Wissen bei den Studierenden vorab per Video-Lecture vermittelt wurde.

Macht man es den Studenten mit elektronischen Hilfsmitteln heute nicht manchmal auch zu leicht? Hindert der Dozent sie nicht daran, selbstständig zu werden, wenn er zum Beispiel die für ein Seminar benötigte Literatur bequem im Internet bereitstellt?

Barz Ich sehe diese Gefahr nicht. Natürlich entfällt dann der Gang durch die Bibliothek, bei dem man hier und da vielleicht noch etwas zusätzlich entdeckt. Der Gang durch die Bibliothek ist heute ein virtueller Gang, und auch da stolpert man über das eine oder andere, was einen interessieren könnte und was vielleicht auch zum Thema passt. Die elektronische Bereitstellung von Texten halte ich für einen sinnvollen Service. Wir schreiben ja auch nicht mehr auf Papyrus.

Durch Diskussionen über das Hochschulwesen geistert nach wie vor der Name Wilhelm von Humboldt. Hat er uns heute noch etwas zu sagen?

Barz Einheit von Forschung und Lehre und Bildung als etwas, das nicht zur beruflichen Qualifikation dient, sondern in erster Linie zur Persönlichkeitsentwicklung – das hat er propagiert. Allerdings war seine Bildungsidee ziemlich einseitig, weil er alles Berufsbezogene heraushalten wollte. Darin sehe ich eher ein Problem seiner Hinterlassenschaft. Wir haben ja auch lange darunter gelitten, dass wir ein Schulsystem hatten, das nur auf Wissensvermittlung ausgerichtet war. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts eröffneten Reformpädagogen wie Montessori, Steiner und Kerschensteiner der Schule einen Zugang zum praktischen Arbeiten. Andererseits gab es bei vielen Hochschulmanagern lange Zeit eine einseitige Ausrichtung auf Forschung. Humboldt erinnert uns daran, dass auch die Lehre wichtig ist.

Sie betonen die Notwendigkeit, dass Hochschulausbildung auch auf Praxisbezug zielen muss. Wenn man beobachtet, wie in jüngerer Zeit ein neuer praxisbezogener Studiengang nach dem anderen eingeführt wird, fragt man sich, ob der Praxisbezug nicht schon übertrieben, ob die Ausbildung nicht zu speziell wird.

Barz: "Die Spezialisierung ist eher ein Kennzeichen der Master-, nicht der Bachelorstudiengänge. Das ist in der Tat eine problematische Entwicklung. Die Bologna-Reform hat hier und da zu einer übertriebenen Profilbildung geführt. Ich könnte mir vorstellen, dass es da eines Tages eine Flurbereinigung gibt und man die Studiengänge wieder etwas breiter anlegt."

Bilden wir zu viele Geisteswissenschaftler aus?

Barz: "Nein, ich glaube im Gegenteil, dass Geisteswissenschaftler heute vom Recherchieren über das Analysieren bis zum Präsentieren Kompetenzen erworben haben, die sich überall anwenden lassen. Ein gut ausgebildeter Germanist kann auch in der Personalabteilung eines Unternehmens arbeiten. Die Mehrheit der Geisteswissenschaftler, die wir an den Hochschulen ausbilden, findet anschließend eine Stelle. Die Hochschullandschaft gliedert sich in Universitäten und Fachhochschulen."

Benötigen wir mehr Fachhochschulen für die Ausbildung praxisbezogener Akademiker?

Barz: "Ich habe den Eindruck, dass sich beide Typen einander annähern. FHs bemühen sich inzwischen mehr um Forschung. Umgekehrt bemühen sich Universitäten stärker, praxisorientiert auszubilden."

Immer mehr Abiturienten beginnen ihr Studium an Privathochschulen. Ist das die Zukunft der Hochschullandschaft? Werden die Privaten womöglich eines Tages als die Elite-Universitäten gelten?

Barz: "In Deutschland eher nicht. Unsere Hochschullandschaft lässt sich nicht mit den USA vergleichen, wo private Stiftungsunis wie Stanford oder Harvard die Maßstäbe setzen. Allerdings nehme ich an, dass sich die staatlichen Hochschulen stärker differenzieren werden, dass der Abstand zwischen Exzellenz- und normalen Hochschulen größer wird. Was die Privaten betrifft: Da gibt es kaum Forschung, das sind oft reine Ausbildungsinstitute. Es würde mich wundern, wenn es privaten Hochschulen gelänge, in puncto Reputation Unis wie die LMU München oder die RWTH Aachen zu übertreffen."

Anders als in vielen anderen Ländern gehen in Deutschland Akademiker aus Akademikerfamilien hervor. Muss sich das ändern?

Barz: "Deutschland hat eine große Undurchlässigkeit des sozialen Sys tems. Es gibt hier weniger Kinder, die als erste aus ihrer Familie ein Hochschulstudium beginnen. Es ist richtig, dass man da etwas zu ändern sucht. Flankierende Maßnahmen sind sinnvoll. Allerdings darf das nicht dazu führen, zu glauben, dass ein Arbeiter weniger wert sei als ein Akademiker. Wir neigen dazu, alle nicht akademischen Tätigkeiten abzuwerten. Die Praxiskompetenz einer Krankenschwester oder einer Kindergärtnerin wird nicht dadurch besser, dass sie ein Studium hinter sich hat: Wissen über den Umgang mit Kindern heißt noch lange nicht, dass man mit Kindern gut umgehen kann."

Sie befassen sich als Forscher mit Evaluation, der Bewertung von Leistungen in der Hochschule. Hat die Evaluation nicht dazu geführt, dass Professoren immer mehr publizieren und Qualität dabei immer weniger zählt?

Barz: "Diesen Verdacht kann man in der Tat hegen. Ich hege ihn auch gelegentlich. Verfechter der Evaluation halten dem aber entgegen, dass sich inzwischen manches geändert hat. Wer heutzutage in einer Fachzeitschrift einen Text veröffentlichen will, muss sich dem Urteil mehrerer Gutachter unterwerfen. Das steigert die Qualität. Man kann das allerdings auch kritisch sehen: Oft geht es nicht um objektive Qualitätsmaßstäbe, sondern um akademische Modetrends oder auch Traditionen. Die Gefahr liegt darin, dass Neues auf diese Weise immer weniger eine Chance hat. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der größten deutschen Forschungsförderungs- Organisation, beklagen Kritiker schon länger eine Art Kartellbildung."

Was muss sich an den deutschen Hochschulen ändern?

Barz: "Hochschulmarketing wird wichtiger werden. Zurzeit haben wir da kein Problem, weil die Hochschulen überlaufen sind, doch das wird anders werden. Hochschulmarketing heißt für mich nicht nur, Werbeflyer zu verteilen, sondern es müssen auch die Studienangebote so gestaltet sein, dass sie für Studierende attraktiv sind. Gerade Geisteswissenschaftler tun sich schwer mit allem, was mit Werbung, Marketing und Betriebswirtschaft zu tun hat. Gelegentlich pflegen Professoren noch ein Obrigkeitsdenken: Wir vergeben Bildungszertifikate – anstrengen muss sich nur der Student. Der Gedanke der Serviceorientierung ist noch nicht überall angekommen."

Quelle: chk
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