Dreigliedriges Schulsystem in der Diskussion: Immer mehr Eltern setzen auf das Abitur
zuletzt aktualisiert: 15.06.2004 - 12:41Berlin (rpo). Eltern wünschen sich für ihre Kinder zunehmend einen möglichst hohen Bildungsabschluss. Große Sorgen bereitet den Eltern der Mangel an Ausbildungsplätzen. Dies geht aus einer am Dienstag in Berlin veröffentlichten Umfrage des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) hervor.
Demnach sähen es bundesweit 50 Prozent der befragten Eltern von Schülern gerne, wenn ihr Kind das Abitur macht. Noch 2002 seien es nur 44 Prozent gewesen. In die Diskussion ist auch das traditionelle dreigliedrige Schulsystem geraten.
Nach der Umfrage würden sich nur noch neun Prozent der Eltern mit dem Hauptschulabschluss zufrieden geben, während dies 2002 noch 13 Prozent waren. Einen Universitätsabschluss streben demnach 35 Prozent der westdeutschen und 20 Prozent der ostdeutschen Eltern für ihr Kind an. Höhere Werte seien bislang in keiner Umfrage des IFS erreicht worden. Deutlich werde diese Entwicklung auch daran, dass die Eltern eine weitere Schulausbildung oder ein Studium ihrer Kinder zunehmend im Vergleich zu einer betrieblichen Ausbildung bevorzugen.
Die Eltern haben zugleich zunehmend Sorge, dass ihr Kind nach der Schule keinen angemessenen Ausbildungsplatz erhalten könnte. Dies gilt besonders für Ostdeutschland, doch wachsen auch im Westen die Befürchtungen. Eine Ausbildungsplatzabgabe für Betriebe, die nicht oder zu wenig ausbilden, wird demnach von der Mehrheit der Befragten befürwortet.
Geteilte Ansichten gibt es zum traditionellen dreigliedrigen Schulsystem. Hier sprechen sich laut IFS gleichermaßen jeweils rund 40 Prozent der Befragten dafür beziehungsweise dagegen aus, dass alle Kinder nach der Grundschule weiter eine gemeinsame Schule besuchen. Zugleich fordern fast 80 Prozent der Befragten eine stärkere Zusammenarbeit von Hauptschule, Realschule und Gymnasium und fast zwei Drittel befürworten eine stärkere Durchlässigkeit zwischen den Schulformen. Im Westen ist der Anteil der Befürworter eines gegliederten Schulsystems deutlich größer als im Osten Deutschlands.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte angesichts dieser Ergebnisse eine weitere Diskussion über das Schulsystem. Die Frage nach Schulstrukturen sei in Deutschland "kein Tabuthema" mehr, erklärte die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange. Die Bürger bewiesen damit mehr Weitsicht als die Politiker, die die Strukturfrage nicht auf die Tagesordnung setzen wollten.
Die Bundesbürger bewerten auch die derzeitige Arbeit der Schulen kritisch. Lediglich zehn Prozent der Befragten bescheinigten diesen, sich zufriedenstellend sowohl um die Leistungen als auch um die Erziehung der Schüler zu kümmern. Regelmäßige bundesweite Schulleistungstest werden von 77 Prozent begrüßt, für landesweit einheitliche Schulabschlussprüfungen sprechen sich sogar 90 Prozent aus.
Mit der Reaktion auf das schlechte Abschneiden bei der internationalen Bildungsstudie PISA zeigten sich die Deutschen unzufrieden: Die Bildungspolitik reagierte nach Ansicht von mehr als 70 Prozent der Befragten schlecht bis sehr schlecht auf die PISA-Ergebnisse. Als zentrale Anforderungen für die Schulen sehen die Bundesbürger vor allem drei Punkte an: die Vermittlung einer guten Allgemeinbildung, die Vorbereitung auf das Berufsleben sowie die Vermittlung der Fähigkeit, Probleme zu erkennen und Lösungswege zu ermitteln.
Das IFS befragte bundesweit 3277 über 18-Jährige mit Wohnsitz in Deutschland. Eine weitere Stichprobe umfasste insgesamt 1475 Eltern mit mindestens einem Kind in der allgemein- oder berufsbildenden Schule.
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