Serie "Auf ins Leben": Lehrlinge des Lebens
VON PHILIPP HOLSTEIN UND KATHRIN LENZER - zuletzt aktualisiert: 14.03.2005 - 15:07Düsseldorf (RP). Erwachsenwerden ist schwerer geworden. Aber wer heute jung ist, hat es auch besonders gut: Er lebt freier als die Generationen zuvor.
Wie sich die Zeiten geändert haben, sieht man auch daran - an Pickeln. Früher durften pubertierende Akne-Gesichter darauf vertrauen, dass besser noch als Clerasil die Zeit die Pusteln bereinigen wird. Heute melden Hautärzte, dass Akne immer öfter auch Erwachsene verbeule, Mittdreißigerinnen zumal. Das ist ungerecht, aber symptomatisch. Keiner kann sich mehr darauf verlassen, dass mit einem bestimmten Lebensabschnitt auch bestimmte Herausforderungen und Probleme erledigt sind. Nicht die auf und gleich gar nicht die unter der Haut.
Wer heute jung ist, hat nur eine Sicherheit: dass nichts sicher ist, weder Job noch Rente oder Ehe. Wer in den 60er Jahren jung war, bekam darauf Garantien. Mehr noch: Er wurde älter in der Gewissheit, das Richtige zu tun, wenn er nur den Pfad einschlug, dem auch die anderen folgten. Der führte immer geradeaus, von einer Station zur nächsten. Kindheit, Schulzeit, Ausbildung, Beruf, Heirat, Familie, Pension, fertig. Leben auf Linie. Wie langweilig. Wie beneidenswert bequem.
Vorbei. Erwachsenwerden ist heute eine verflixt einsame Angelegenheit. Wer sich nicht absetzt von den anderen, wird nicht mehr wahrgenommen. Und wer bloß geradeaus geht, kommt nirgendwo mehr an. Drum geht man vorwärts, rückwärts, seitwärts - und passiert trotzdem nicht die Ziellinie. Ankommen ist nämlich auch vorbei; Ziellinie verwischt.
Wer heute jung ist, wird mit der Aussicht groß, dass er sich auf Erreichtem nie wird ausruhen dürfen, dass er vielmehr flexibel und also immer auf dem Sprung sein muss - stets bereit, für einen Aufbaustudiengang, einen neuen Boss, eine neue Liebe, sein Regal abzuschrauben und andernorts wieder aufzubauen. In Regensburg, Paris oder Shanghai. Darum soll der, der heute jung ist, ein, zwei Semester im Ausland studieren, zudem mehrere Sprachen lernen, gerne auch exotische. Man weiß ja nie.
So bildet sich der, der heute jung ist, möglichst breit und für alle Fälle. Und doch wird ihn schon vor dem Start ins Berufsleben das Gefühl beschleichen, eigentlich nicht gebraucht zu werden. Arbeit für alle. Das war gestern. Heute ist die Arbeit alle.
Wer heute jung ist, tut sich schwerer als seine Eltern und Großeltern, erwachsen zu werden. Weil niemand noch weiß, was das eigentlich ist: ein ausgewachsener Erwachsener. Die biologischen und sozialen Merkmale, die in den 60er Jahren den Ausgereiften charakterisierten, ergeben kein Bild mehr. Im Gegenteil. Jungen und Mädchen rutschen heute viel früher in die Pubertät (mit elf, zwölf Jahren schon), werden aber erst viel später Vater oder Mutter. Wenn überhaupt. Die Jugend endet auch nicht mit den Lehrjahren, weil Lehrjahre nicht mehr enden dürfen. Gelernt wird lebenslang. Bis zum letzten Atemzug.
Wer heute jung ist, sieht sich von Mittelalten umgeben, die auch lieber jung als erwachsen sein wollen. Jugendlichkeit steht für Dynamik, dynamisch zu sein verlangt die Zeit. Man sieht es an 40-, 50-Jährigen in den Großstädten: Nie kleideten sie sich so jung wie heute, und wahrscheinlich waren sie auch nie so jung wie heute, weil man nie zuvor so langsam alt wurde.
„Wer bin ich?“ Früher galt es als Zeichen der Reife, darauf Antworten zu haben. Spätestens mit dem Ende der Adoleszenz sollte die Selbstfindung erledigt sein; noch später war unnormal, fanden Psychoanalytiker. Heute halten es Psychoanalytiker für normal, sich der Frage immer neu zu stellen, seine Identität immer neu zusammenzusetzen. Das ist zwar anstrengend, aber auch spannend.
Wer heute jung ist, lebt freier - und braucht mehr Kraft, die Freiheit auszuhalten. Wo man sich diese Kraft holen kann, scheint den meisten Jugendlichen immerhin klar zu sein: Umfragen bestätigten den hohen Wert, den Junge der Familie, der Liebe in ihren Leben beimessen. Mit Liebe zur Freiheit also, ein schönes Motto eigentlich.
Ein erwachsenes auch. Die Zeiten sind vorbei, in denen ein Datum oder ein äußerer Wert wie das Eigenheim den Erwachsenen ausmachten. Heute ist Erwachsensein ein Seelenzustand. Es hat mit Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zu tun und mit Unabhängigkeit von den Einflüsterungen anderer. Gelassenheit ist jetzt Zeichen der Reife, Zufriedenheit auch. Der Erwachsene der Gegenwart und Zukunft ist kein behauster Zielbewohner mehr, sondern ein mit sich selbst im Reinen lebender Lebens-Lehrling. Erwachsen ist, wer sich selbst gewachsen ist.
Wer das weiß und sich in diesem beschleunigten Leben einzurichten vermag, ist den Älteren voraus. Die müssen sich nämlich erst noch daran gewöhnen, dass sich die Welt sehr viel schneller verändert, als sie es in den 60er Jahren tat. Sich diesen Veränderungen anzupassen, sich stets aufs Neue zu erfinden, stresst sie ungemein, sagen Psychologen.
Das erklärt dann auch, warum immer mehr Erwachsene an Akne leiden. Hauptauslöser der Pustelplage ist nämlich - Stress.
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