Was auf Studierende zukommt: Mit 17 schon reif für die Uni
VON ISABELLE DE BORTOLI - zuletzt aktualisiert: 06.12.2011 - 08:12Düsseldorf (RPO). Marie Schützmann ist im August 17 Jahre alt geworden. Doch anstatt die Schulbank zu drücken, sitzt sie gemeinsam mit Tausenden anderen Erstsemestern der Heinrich-Heine-Universität im Hörsaal. Marie ist die jüngste Studentin der Düsseldorfer Universität – und findet das im Alltag sehr unproblematisch. "Ich konnte mich für das Biochemie-Studium online bewerben und einschreiben – in Düsseldorf war das ganz unkompliziert möglich. Bei anderen Unis dagegen funktionierte die Eingabemaske für unter 18-Jährige nicht."
Unter ihren Kommilitonen sei es kein großes Thema, dass sie die Jüngste sei, sagt Marie, die zwei Schuljahre übersprungen hat. "Außerdem bin ich das ja auch schon aus der Schule gewohnt. Und da war das schlimmer, gerade in der achten und neunten Klasse."
An der Uni sei der Altersunterschied nicht so ersichtlich – und auch nicht wichtig. Für das Biochemie-Studium hat sich die 17-Jährige übrigens entschieden, um in die medizinische Forschung zu gehen – ein späteres Medizinstudium kann sie sich auch gut vorstellen.
Problem Nr. 1: Ausgehen Auch Julia Gurol studiert mit 17 Jahren in Düsseldorf. Sie hat ebenfalls zwei Klassen übersprungen und sich für den Studiengang "Sozialwissenschaften – Medien, Politik, Gesellschaft" eingeschrieben. "Ich habe dort einige Leute kennengelernt, die viel älter sind als ich – also 25 oder 26 Jahre", sagt die Studentin." In diesem neuen Freundeskreis ist mein Alter aber kein Problem, denn schließlich sind wir alle im ersten Semester und für alle ist alles neu.
Prognosen
Deutschlandweit wird die Zahl der U-18-Studenten in den kommenden Jahren weiter wachsen. Denn in fünf Jahren wird das achtjährige Gymnasium in insgesamt 13 Bundesländern eingeführt worden sein. An der Ludwig-Maximilians- Universität in München etwa stieg die Zahl von 26 U-18- Studenten im Jahr 2010 auf heute 93 Studierende an.
Nur wenn wir abends weggehen wollen, ist es für mich blöd, denn ich komme als unter 18-Jährige erstens nicht in alle Läden rein, und zweitens habe ich noch keinen Führerschein und muss von meinen Eltern abgeholt werden." Damit würden ihre Kommilitonen sie manchmal spaßeshalber aufziehen.
Minderjährige Studenten bedeuten auch für die Fachschaften ein Umdenken – und zwar was ihre Partys angeht. "In der Regel wird nur Bier und keine harten Alkoholika ausgeschenkt", sagt die Düsseldorfer Asta-Vorsitzende Yasemin Akdemir. "Aber was Eingangskontrollen angeht, muss man sich bald etwas überlegen." Denn laut Jugendschutzgesetz müssen unter 18-Jährige Partys um Mitternacht verlassen – auch am Campus.
Problem Nr. 2: Mietvertrag Marie Schützmann wohnt derzeit noch bei ihren Eltern in Mülheim und pendelt zur Heine-Uni. Auch Julia Gurol lebt zu Hause in Leverkusen, auch wenn sie gerne bald eine eigene Wohnung hätte. Als 17-Jährige bräuchte sie dafür allerdings auch die Unterstützung von Mutter und Vater: "Ein Mietvertrag ist ein so genanntes Dauerschuldverhältnis, das nur von voll geschäftsfähigen Personen eingegangen werden kann", sagt Elisabeth Gendziorra, Geschäftsführerin des Deutschen Mieterbundes NRW. "Das heißt: Ein minderjähriger Student kann keinen Mietvertrag unterschreiben. Das müssen die Eltern für ihn tun, sie sind die Mieter der Wohnung."
Problem Nr. 3: Bürokratie An der Universität selbst stellt man sich Zug um Zug auf die jüngeren Studenten ein, die in Nordrhein- Westfalen mit dem ersten G8-Jahrgang im kommenden Jahr an die Hochschulen strömen werden. Derzeit hat die Heinrich-Heine-Universität neun minderjährige Studenten. Wer unter 18 Jahren alt ist und sich einschreiben möchte, muss die Vollmacht der Eltern vorlegen. Ein Verfahren, das zum Beispiel auch an der LMU München gängig ist, wo in diesem Jahr bereits 93 Minderjährige studieren. In Bayern drängte, genau wie in Niedersachsen, zu diesem Wintersemester der erste Schwung von G8-Abiturienten an die Unis.
Jüngere Studenten brauchen mehr Betreuung und Beratung, findet die Asta-Vorsitzende Yasemin Akdemir aus Düsseldorf. "Viele sind noch sehr jung und unreif, die Uni ist eine ganz andere Welt, da muss man Mut haben zu fragen und den Mund aufzumachen. Das ist für 17- und 18-Jährige sicher oft schwer. Deshalb braucht es noch mehr Hilfestellung, mehr Tutorien und Mentoren als bisher." Die Beratung der immer jünger werdenden Schüler setzt bei der Heinrich-Heine- Uni mit der "Servicestelle Schule-Hochschule" an.
Schon 15-Jährige kommen dorthin, um sich über Fächer und Zulassungsvoraussetzungen zu informieren. "Wir beobachten, dass immer mehr Schüler ihre Eltern mitbringen", sagt Studienberaterin Simone Jawor-Jussen. "Das hat damit zu tun, dass der Prozess der Studienwahl immer komplexer wird. Der Markt ist groß, der Zugang nicht immer leicht. Die Studieninteressierten bringen ihre Eltern als Ratgeber mit, und die Eltern wollen ihren Kindern etwa im komplizierten Bewerbungsverfahren zur Seite stehen."
Grundsätzlich könne man aber nicht sagen, dass jüngere Bewerber unselbstständiger seien. "Wichtig ist einfach, sich frühzeitig mit dem Thema Studium zu beschäftigen", sagt Simone Jawor-Jussen. "Nicht erst einen Monat vor dem Abi, idealerweise ein Jahr vorher." Das Studierenden Service Center ist täglich von 8 bis 18 Uhr für Schüler und Eltern geöffnet.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum








