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Serie Geisteswissenschaften: Nutzen des Geistes für das Leben

VON GERT KAISER - zuletzt aktualisiert: 06.02.2007 - 12:55

Düsseldorf (RP). Gert Kaiser, Präsident des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen, schreibt innerhalb unserer Serie über die Bedeutung
von Philosophie und Literaturwissenschaft als Grundnahrungsmittel der Gesellschaft.

Seit ich mich im Kosmos der Geisteswissenschaften bewege, also etwa seit vierzig Jahren, stelle ich fest, dass diese Wissenschaften sich immerzu rechtfertigen. Also die Geschichtswissenschaft oder die Germanistik oder die Philosophie, sie rechtfertigen sich, dass es sie gibt, und sie rechtfertigen sich für die Art und Weise, wie sie Wissenschaft betreiben.

Erstaunlich ist dabei, dass sie eigentlich gar nicht wirklich angegriffen werden. Sie selber stellen sich in Frage, indem sie so tun, als würden sie von anderen Wissenschaftsarten, zum Beispiel den Naturwissenschaften oder manchmal auch von der gerade herrschenden Politik angegriffen. Und meist entfalten sie einen großartigen Rechtfertigungszauber, den freilich außer ihnen kaum jemand interessiert.

Komische Situationen

Das führt oft zu komischen Situationen. Wenn unsereins gefragt wird, was man denn so mache, so antworten wir meist sehr viel mehr als der andere wissen will. Ja, es ist eine eigene und sehr kuriose Disziplin entstanden: die Legitimation der Geisteswissenschaften. Diese Disziplin ist sehr betriebsam, das Geschäft der Rechtfertigung läuft mit hoher Drehzahl

Und es sind dabei wunderbare Theorien entstanden. Die bei weitem schönste ist die so genannte Kompensationstheorie: die Geisteswissenschaften seien deshalb unvermeidlich, so der Philosoph Otto Marquardt, weil sie mit Hilfe von Geschichtenerzählen und Interpretationen diejenigen Schäden heilen, die die Modernisierung in unserer Gesellschaft verursacht.

Offenbar sehen das nicht alle ein. Und doch bin ich überzeugt, dass unsere Gesellschaft und die Politik nicht den Wert der Geisteswissenschaften bezweifeln. Was sie fragen und oft auch bezweifeln, ist, ob so viele Geisteswissenschaftler nötig sind, um die Geisteswissenschaften zu pflegen. Mir scheint, dass die Öffentlichkeit weiß, was sie an den Geisteswissenschaften hat.

Und nur für den Fall, dass ich da zu optimistisch bin, rufe ich es noch einmal für die Öffentlichkeit in Erinnerung. Ich nenne fünf wichtige Leistungen der Geisteswissenschaften, auf die unsere Gesellschaft nicht verzichten kann.

Erstens: Sie verwalten einen Schatz an kultureller Erfahrung und stellen ihn der Gegenwart zur Verfügung. Das sind:

  • historische Erfahrungen, etwa: „Haben verweltlichte Gesellschaften eine Chance gegenüber fundamentalistischen Religionen?“
  • künstlerische Erfahrungen, etwa: „Was bedeutet es und wie verhalten wir uns, wenn die Kunst gesellschaftliche Tabus bricht?“
  • ethische Erfahrungen, etwa: „Soll man Forschung an abgetriebenen Föten erlauben, wenn dadurch lebensgefährliche Krankheiten geheilt werden könnten?“
  • Erfahrungen der Rechtskultur. Sie werden von jenen Geisteswissenschaftlern gepflegt, die man Rechtswissenschaftler nennt, und sie sind wahrscheinlich die Grundlage für unser Vertrauen in das Recht als die gemeinschafts- und staatenbildende Kraft. Im übrigen: Ohne die geisteswissenschaftliche Forschung wüssten wir wenig vom Rolandslied oder von Shakespeare, von Dante, von Goethe und fast nichts über Leonardo da Vinci.

Zweitens: Die Geisteswissenschaften klären uns auf über Traditionen, in denen wir stecken und zum Teil auch stecken geblieben sind. Sie erforschen zum Beispiel: „Was ist unser Bild des Todes verglichen mit dem unserer Vorfahren oder dem anderer Kulturen? Wie gehen wir mit der Erfahrung des Todes um in unserer jugendbesessenen Gesellschaft?“ Dass unsere traditionellen Frauenbilder inzwischen kritisch gesehen werden, das ist eine Leistung der Geisteswissenschaften, besonders der Wissenschaftlerinnen.

Drittens: Die Geisteswissenschaften erforschen fremde Kulturen. Sie schaffen dadurch die Voraussetzung für friedliche Verständigung. Sie fordern Respekt ein für das Fremde - und machen das Vertraute bewusst, vielleicht sogar wertvoll.

Viertens: Die Geisteswissenschaften verschaffen geistiges Vergnügen. Zum Beispiel indem sie dem Leser oder Hörer ein Fresko von Michelangelo enträtseln und ihm die Lust an der Entdeckung von tieferer Bedeutung ermöglichen.

Fünftens: Die Geisteswissenschaften haben den gebildeten Menschen zum Ziel. Sie geben dem Menschen ein Selbst-Bewusstsein, das nicht auf ökonomischem Erfolg oder Misserfolg begründet ist. Sie schaffen einen humanen Wert, der etwas anderes ist als ökonomischer Wert.

All diese Leistungen der Geisteswissenschaften fließen unmittelbar in unser Leben ein, über Zeitungen, über das Fernsehen, über Bücher, vor allem über die Schulen und die Universitäten. Junge Menschen werden in sie eingeübt.

So produzieren die Geisteswissenschaften eine Art gesellschaftliche Grundnahrungsmittel - und keineswegs bloß die Sahne obendrauf.


 
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