Mehr Förderung, kleinere Klassen: Privatschulen boomen
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 10.01.2008Düsseldorf (RP). Mit kleinen Klassen und intensiver Betreuung werben Privatschulen um Zulauf – erfolgreich. Die Landesregierung begrüßt die Entwicklung, Kritik kommt von der Gewerkschaft.
Es ist kein rapides, aber doch ein stetiges Wachstum: Die Privatschulen in NRW legen zu, allerdings langsamer als im Bund. 2006 besuchten laut Privatschulverband NRW knapp 170 000 Schüler eine allgemeinbildende Schule in freier Trägerschaft, rund sieben Prozent mehr als 2002 – während die Gesamt-Schülerzahl leicht sank. Seit 2002 ist der Anteil der Privatschüler in NRW um einen halben Punkt auf 7,2 Prozent gewachsen.
Die Argumente für die Privatschule sind spiegelbildlich die Argumente gegen die Regelschule. „Viele Regelschulen haben sich von ihrer ursprünglichen Aufgabe entfernt“, sagt Jürgen Steinborn (52), seit der Gründung 1983 Direktor der Hebo-Privatschule in Mönchengladbach. Soll heißen: Ausgepowerte Lehrer ersticken im Papierkram, die Betreuung bleibt auf der Strecke – nur an der Privatschule nicht.
Förderunterricht nach Bedarf
Hebo hat 21 Lehrer und 180 Schüler in zwölf Klassen. 15 pro Klasse: gerade die Hälfte vieler Regelklassen. Ihre Lehrer sucht sich die Schule selbst aus, ihre Schüler auch. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem. „Wenn wir die Kapazitäten hätten, könnten wir sofort 50 Prozent mehr Schüler aufnehmen“, sagt Steinborn.
Seit anderthalb Jahren dabei ist Lars Carsjens. Der 14-Jährige besucht die neunte Klasse bei Hebo. „Hier kümmern sich die Lehrer mehr um die Schüler als auf der Gesamtschule“, sagt er. Und das geht so: Acht Stunden Unterricht täglich stehen auf dem Plan. Jeder Lehrer ist aber danach auch für die Hausaufgabenbetreuung verantwortlich und für den speziellen Förderunterricht – nach Bedarf, sozusagen auf Zuruf. Bei Lars Carsjens heißt das: eine Stunde Mathe am Tag extra.
Bis zu 900 Euro Schulgebühren
Es klingt wie die Quadratur des Bildungs-Kreises. Das Hebo-Konzept zum Beispiel spricht von „individueller Förderung“ und „persönlicher Unterrichtsatmosphäre“. Es gibt ein Schul-Mittagessen, Sport- und Freizeitangebote: Das ist Ganztag auf privat. Es geht aber auch um „persönliche Leistungsbereitschaft“ und um „soziale Tugenden“: Das sind hochtraditionelle Werte. Beides zusammen ergibt ein Pfund, mit dem die Privatschulen in Zeiten von Pisa und Amokdrohungen trefflich wuchern können.
Allein: Das hat seinen Preis. Bis zu 900 Euro zahlen die Hebo-Eltern – im Monat. „Das ist schon ein Wort“, gibt Marita Jendrasch zu. Ihr Sohn Max besucht die elfte Klasse. 2004 verließ er das Gymnasium. Auch er hatte auf der Regelschule Probleme: Max Jendrasch ist hochbegabt, war hoffnungslos unterfordert. Wieder heißt das Argument bessere Betreuung. Außerdem, so Marita Jendrasch, funktioniere die Kommunikation mit der Schule besser: „Probleme werden nicht sofort aufs häusliche Umfeld geschoben.“ Und die Trennung des Tages zwischen Schule und Familie sei sehr konsequent.
Das Land fördert die Privaten
Seit dem Regierungswechsel 2005 ist das Land kräftiger Fürsprecher von Privatschulen – und lässt sich das auch etwas kosten. „Steigender Zuspruch führt zu mehr Vielfalt und Wettbewerb“, sagt eine Sprecherin des Schulministeriums. Für 2008 plane man, Privatschulen mit 1,08 Milliarden Euro zu fördern. Das sei mehr, als vergleichbare Regelschulen kosten würden – denn den meisten Privaten finanziere das Land Personal- und Sachkosten. Bei Regelschulen dagegen trägt das Land nur Personalkosten. Dahinter steht ein ehrgeiziges Ziel: Ministerin Barbara Sommer (CDU) will Privatschulen zur zweiten Säule des Schulsystems machen.
Davon hält die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nicht viel. Die Milliarde fehle den Regelschulen, lautet die Kritik. Und die Mehrausgaben stiegen stärker, als es die Schülerzahl rechtfertige. „Privatschulen fördern die Besonderung“, warnt Landeschef Andreas Meyer-Lauber – und zwar jener Kinder, „deren Eltern sich eine gute Schule kaufen können. Die Verkäuferin aus dem Supermarkt kann ihre Kinder sicher nicht auf solche Schulen schicken.“ Fazit: Privatschulen seien keine Lösung für die unbestreitbaren Probleme des öffentlichen Bildungssystems.
Trotz des Wachstums liegt Deutschland, liegt NRW international noch weit unter dem Durchschnitt. In den OECD-Ländern ist der Privatschüler-Anteil mehr als doppelt so hoch. Deutschland bleibt einstweilen Privatschulen-Entwicklungsland.
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