Fehler, Verwechslungen und Schummelei: Prüfungs-Chaos an deutschen Schulen
zuletzt aktualisiert: 12.06.2008 - 12:40Düsseldorf/Dülken/Berlin (RPO). Nach der Empörung über Pannen beim Mathe-Abitur dürfen Abiturienten am Dienstag einen zweiten Versuch wagen. Doch jetzt kommt heraus: Es gab möglicherweise noch eine dritte Aufgabe mit Fehlern. Außerdem sollen bei der Abschlussprüfung an einer Realschule Deutschklausuren für Gymnasiasten verteilt worden sein. Die Landesregierung weist dies allerdings zurück.
Wie viele Abiturienten aus Nordrhein-Westfalen an der Mathematik-Nachprüfung teilnehmen werden, ist noch unklar. Schätzungen zufolge sind es kaum mehr als 200. Das Angebot richtet sich an jene Schüler, die entweder die umstrittene Oktaeder- oder die Wahrscheinlichkeitsfrage (Basketball-Würfe) zu lösen hatten.
Nach Ansicht von Gunter Fischer, Leiter des Städtischen Gymnasiums in Dülken, gibt es noch eine dritte Aufgabe, die Mängel aufwies. „Mich ärgert, dass davon noch keine Rede war“, so der Mathematik-Lehrer gegenüber unserer Redaktion. Dabei geht es um die Frage nach der Entwicklung einer Insekten-Population. In der Aufgabe sei als Beispiel ein Vier-Wochen-Zeitraum genannt worden.
Die Schüler hätten sich an diese Vorgabe gehalten, dafür aber nicht die volle Punktzahl bekommen, weil sie eine Langfrist-Berechnung hätten anstellen sollen. Dies aber sei der Fragestellung so nicht zu entnehmen gewesen, moniert Fischer. Seine Schule und das andere Gymnasium in Dülken hätten dies dem Schulministerium mitgeteilt. „Man hat den Eindruck, dass das unter der Decke gehalten werden sollte, weil man schon genug Probleme mit den beiden anderen Aufgaben hatte“, vermutet Fischer. Am Montag wird sich der Schulausschuss des Landtags mit dem Abi-Chaos befassen.
Ein Sprecher von Schulministerin Barbara Sommer (CDU) sagte auf Anfrage, laut Aufgaben-Kommission sei die Insekten-Aufgabe „gut und richtig lösbar gewesen“, so dass die volle Punktzahl erreichbar gewesen sei. Von anderslautender Kritik sei im Ministerium nichts bekannt. Bei der Aufgabe seien mehrere Lösungswege möglich gewesen. Die Nachprüfung am Dienstag sei nötig, weil beim ersten Durchgang komplette Kurse „aus der Bahn geworfen worden“ seien.
Doch während die Abiturienten auf Wunsch ihr Glück noch einmal versuchen dürfen, bahnt sich für Nordrhein-Westfalen ein weiterer Prüfungs-Skandal an: Nach Informationen der "Westdeutschen Zeitung" wurden bei den zentralen Abschlussprüfungen der zehnten Klassen die Aufgaben im Fach Deutsch verwechselt.
So hätten Gymnasiasten eine Wahlaufgabe bekommen, die dem Niveau von Realschülern entspreche. Umgekehrt sollten die Realschüler eine Aufgabe lösen, die dem Lernstand von Gymnasiasten entsprach, berichtet das Blatt unter Berufung auf den Konrektor einer Realschule.
Nach Angaben des Lehrers, der nicht namentlich genannt werden wollte, schnitten daher zahlreiche Schüler in der Prüfung schlechter ab als erwartet. Allein an seiner Schule sei ein Drittel der Schüler hinter der Vornote zurückgeblieben. Durch die Aufgabe könne die Zukunft von Schülern zerstört werden, sagte der Lehrer.
Der Vorsitzende des Philologenverbands, Peter Silbernagel, sagte, wenn ein Fehler vorliege, "und das Ministerium wusste davon, ist das ein neuer Skandal." Ein Sprecher des Schulministeriums bezeichnete die Aufgaben als "angemessen."
Die Landesregierung hat den Bericht der "Westdeutschen Zeitung" inzwischen zurückgewiesen. "Da ist nichts dran", sagte ein Sprecher des Schulministeriums am Donnerstag in Düsseldorf.
Und NRW ist nicht das einzige Land mit Prüfungs-Pannen. Die rund 28 000 Berliner Schüler müssen vorraussichtlich ihre Mathematikarbeiten für den Mittleren Schulabschluss wiederholen. Im Laufe der am Mittwoch abgelegten Prüfungen sei festgestellt worden, dass Jugendliche von fast einem Dutzend Schulen vorab in den Besitz der Aufgaben gekommen waren, teilte die Senatsbildungsverwaltung mit. Die Prüfungen werden am 23. Juni wiederholt.
Bislang liegen den Angaben zufolge keine Erkenntnisse vor, auf welchem Wege die Aufgaben an die Öffentlichkeit gekommen sind. Deshalb habe die Bildungsverwaltung Anzeige gegen unbekannt erstattet.
Der Landeselternausschuss lehnte die Wiederholung der Prüfung ab. Das vorzeitige Bekanntwerden der Aufgaben sei letztendlich durch Mitarbeiter der Senatsbildungsverwaltung ermöglicht worden, erklärte der Ausschuss am Mittwochabend in Berlin.
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