Landesregierung fordert Förderplan: Rund 100.000 Schulschwänzer in NRW
zuletzt aktualisiert: 13.09.2008 - 10:25Düsseldorf (RPO). Schulschwänzen ist für viele Jugendliche Normalität. Nach Expertenschätzungen fehlen rund 10 Prozent der bundesweit 12,4 Millionen Schüler jedes Jahr unentschuldigt im Unterricht. Allein in NRW schwänzen rund 100.000 Schüler, die Hälfte davon regelmäßig. Jetzt fordert die Landesregierung ein Förderplan.
In Nordrhein-Westfalen gibt es unter den 2,8 Millionen Schülern rund 100.000 Schulschwänzer. Wie das Schulministerium in Düsseldorf mitteilte, können etwa 50.000 Schüler als "Regelverweigerer" eingeschätzt werden. In etwa gleich groß ist die Zahl der "Gelegenheitsverweigerer" oder "Schwänzer" an Nordrhein-Westfalens Schulen. Rund 230.000 Schüler empfinden die Schule nach Ministeriumsangaben "als nutzlos und suchen, ihr zu entrinnen".
Die Landesregierung fördert den Angaben zufolge über den Kinder- und Jugendförderplan 58 Projekte für sogenannte Schulmüde oder Schulverweigerer. Diese Projekte erreichen jährlich etwa 4000 Jugendliche. Rund 2,1 Millionen Euro gibt das Land pro Jahr dafür aus.
Die Projekte finden in Kooperation von Jugendhilfe und Schulen statt. Ein Teil der Projekte bietet Schulmüden eine Alternative zum Schulbesuch. Im Rahmen von werkstattorientierten Angebotsformen sollen die Schwänzer wieder an das Lernen herangeführt werden. Auch Schulstoff sollen die Verweigerer dabei lernen.
"Schulverweigerer befinden sich auf dem Weg in eine Sackgasse: Wer schwänzt und darum seinen Schulabschluss verpasst, findet in der Regel keine Ausbildungsstelle und ist auf die staatlichen Sozialleistungen angewiesen", sagte Schulministerin Barbara Sommer (CDU) auf ddp-Anfrage. Deswegen sei es "wichtig, den jungen Menschen hier Lösungswege" aufzuzeigen. "Die vielfältigen Schulmüden-Projekte des Landes NRW zeigen Wege aus der Sackgasse. Die schulverweigernden Jugendlichen werden dabei unterstützt, die Schule wieder regelmäßig zu besuchen und abzuschließen", fügte Sommer hinzu.
Experte: Schwänzen für viele Schüler Normalität
Die Zahl der Schulschwänzer in Deutschland nimmt nach Expertenmeinung nicht zu. "Es ist eher eine gefühlte Steigerung infolge der erhöhten Aufmerksamkeit, die das Thema in den Medien genießt", sagte Frank Braun vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in einem ddp-Interview in München.
Einzelstudien und Länderstatistiken zeigen laut Braun jedoch: "Schwänzen ist für eine große Gruppe von Schülern Normalität." Eine Untersuchung des DJI an Hauptschulen habe gezeigt, dass jeder fünfte Schüler in den zurückliegenden zwei Wochen einzelne Stunden oder komplette Schultage dem Unterricht fernblieb.
Der Jugendforscher erklärte weiter, dass Hauptschüler mehr schwänzten als Gymnasiasten. "Es gibt einen Zusammenhang zwischen Schulform, sozialer Herkunft und Schulschwänzen." Schulverweigerer hätten im Schnitt "schwierigere Lebensläufe".
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