Viele sind überfordert: Studenten in der Psycho-Krise
VON ISABELLE DE BORTOLI - zuletzt aktualisiert: 19.01.2007 - 12:27Düsseldorf/Duisburg (RP). Immer mehr Studierende plagen sich im Universitätsalltag mit psychischen Problemen: Prüfungsangst, Depressionen und Einsamkeit. Bereits 27 Prozent der Studierenden sind betroffen. Beratungsstellen bieten Hilfe an.
Ob Panik vor der nächsten Prüfung, Liebeskummer, Versagensängste, Einsamkeit oder das Gefühl, dem Druck nicht mehr standhalten zu können: Immer mehr deutsche Studenten haben einen Haufen Probleme. In Befragungen des Bundesbildungsministeriums gab mehr als ein Viertel der Studierenden an, psychische Schwierigkeiten zu haben. Hilfe finden sie bei den Beratungsstellen der Universitäten.
Beim Sozialen Dienst im Studentenwerk Düsseldorf melden sich in letzter Zeit immer häufiger Studenten, die Hilfe suchen. "Im Moment haben die Studierenden vor allem finanzielle Probleme, die sie sehr belasten", sagt Judith Weiskircher, vom Sozialen Dienst im Studentenwerk Düsseldorf. "Wenn Studenten unverschuldet in Not geraten, das Geld für Miete oder Krankenversicherung einfach nicht mehr da ist, dann versuchen wir, ihnen mit Sozialgeldern zu helfen."
Problem des Blackouts
Aber sehr oft kommen die jungen Frauen und Männer auch, weil sie überfordert sind, den Druck nicht mehr aushalten, in Klausuren keine guten Noten mehr schaffen. "Es gibt Überforderungstendenzen und Versagensängste, oft hören wir vom Problem des Blackouts. Das ist meist nur eine vorübergehende Blockade, aber sie macht Angst", sagt Weisweiler.
Dass mehr Studenten Hilfe brauchten, läge auch an den härteren Studienbedingungen. Durch Bachelor und Master müssten verstärkt Punkte gesammelt werden und das in einer kurzen Zeit. Laut einer Studie der Hannoveraner Hochschul-Informations-System GmbH haben schon 16 Prozent aller Erstsemester Angst, ob sie das richtige Fach gewählt haben. 42 Prozent ängstigen sich, den Anforderungen des Studiums generell nicht gewachsen zu sein, 55 Prozent machen sich Sorgen, durch Prüfungen zu fallen.
Ein weiteres Problem: An der Universität genießen die Studenten zwar eine große Freiheit, gleichzeitig müssen sie aber alles selbst erledigen und sind mit der Organisation ihres (Studien-) Alltags überfordert. "Der Wechsel von Schule zur Universität ist eine kritische Phase", sagt Elke Muddemann-Pulla, Diplom-Pädagogin mit dem Arbeitsschwerpunkt Psychologische Beratung im Akademischen Beratungszentrum der Universität Duisburg-Essen.
Was kommt danach?
Auch die Abschlussphase des Studiums sei eine große Belastung: "Einerseits der Prüfungsstress, andererseits oft die Unsicherheit, was danach kommt. Wird man einen Job finden? Oder: Was möchte ich überhaupt für einen Beruf ergreifen?" In Duisburg und Essen werden im Jahr 350 Beratungsgespräche geführt, "damit sind wir voll ausgelastet", sagt Muddemann-Pulla.
Viele Probleme können die Beratungsstellen durch Zuhören lösen. "Ich überweise aber, wenn nötig, zu einer Gesprächstherapie bei der Studienberatung oder auch zum Psychologen an die Uni-Klinik", sagt Judith Weiskircher. "In ganz extremen Fällen besuchen wir Studenten zu Hause, wenn sie etwa aus ihrer Wohnung gar nicht mehr rauskommen. Das ist aber die Ausnahme."
An der Uni Duisburg-Essen gibt es für Studenten mit Prüfungsangst regelmäßig Workshops, in denen Studenten gemeinsam mit psychologischen Beratern an ihren Ängsten arbeiten können. "Für diejenigen, die unter der Anonymität des Campus leiden, und dadurch in ihrem Studium nicht recht weiterkommen, haben wir die so genannte Interaktionsgruppe", sagt Elke Muddemann-Pulla. An der Hochschule Niederrhein wenden sich Studierende mit finanziellen, persönlichen oder psychischen Problemen meist zunächst an den AStA. "Wir helfen dann mit Kontaktadressen, zum Beispiel auch zum Sozialen Dienst weiter."
Psychologische Beratung
Ein besonderes Angebot findet sich an der RWTH Aachen: Sie bietet nicht nur ihren Studenten, sondern auch den Mitarbeitern eine psychologische Beratung an - seit 23 Jahren. Da geht es zum Beispiel um Sucht-Probleme, Arbeitsplatzkonflikte wie Mobbing oder Jobverlust, psychische Erkrankungen und hohe Arbeitsbelastung.
Laut einer Statistik der Krankenkasse DAK ist die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Störungen bei 20- bis 24-jährigen Männern zwischen 1997 und 2004 um 90 Prozent gestiegen, bei Frauen um 123 Prozent.
Eine Befragung des Bundesbildungsministeriums im Jahr 2001 zeigte, dass acht Prozent der deutschen Studierenden psychisch erkrankt sind, fünf Prozent befinden sich derzeit in Therapie.
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