Die Exotenfächer: Studienwahl: Was willst du denn damit?
VON SABINE JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 26.01.2007 - 10:51Düsseldorf (RP). Wer Medizin studiert, wird Arzt. Wer Jura studiert, wird Anwalt. Und was machen jene, die sich an der Universität für exotische Fächer wie Ägyptologie und Literaturübersetzen einschreiben? Sie müssen sich für ihre Studienwahl rechtfertigen - vor allem gegenüber den eigenen Freunden.
Die ersten japanischen Schriftzeichen haben Anna Wesolowski schon ein bisschen Angst eingejagt. "Gestern habe ich die Bücher abgeholt. Da war mir schon mulmig", erzählt die 19-Jährige. Kurz vor Beginn der Vorlesungen haben sich Zweifel an der Studienfachwahl gemeldet. Anna Wesolowski hat sich für Geschichte und Modernes Japan in Düsseldorf entschieden.
"Geschichte stand fest. Per Zufall habe ich als Ergänzungsfach Modernes Japan entdeckt. Andere Kulturen finde ich spannend. Außerdem ist es etwas Außerwöhnliches, mit dem man sich profilieren kann", begründet die junge Frau aus Rees ihren Entschluss. Die Reaktion im Bekanntenkreis kam prompt: "Was willst du denn damit?"
Lieber etwas Handfestes
Jura- und Medizinstudenten haben's gut. Unabhängig von ihren Chancen auf dem Arbeitsmarkt würde keiner je auf die Idee kommen, sie nach ihrem Berufsbild zu befragen. Selbst unter Betriebswirtschaft und Maschinenbau kann sich jeder etwas vorstellen. Klingt handfest, ordentlich und nach Broterwerb. Philosophie oder gar Exoten wie Modernes Japan und Ägyptologie dagegen gelten als Orchideenfächer. Wissen: total theoretisch. Berufsbild? Mal gucken. Zukunftschancen? Ungewiss.
"Bei uns geht es nicht um ein konkretes Berufsziel, sondern um strukturiertes Denken", erklärt Philipp Tacer. Der 23-Jährige studiert Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Trotz allgemeiner Arbeitsmarkt-Klage ist er optimistisch: "Wer einen Uni-Abschluss hat, findet einen Job."
"Wir werden sehen"
"Jetzt erst recht!", sagt sich Lara Snoie. "Wenn die Jobchancen sowieso begrenzt sind, dann will ich machen, was mir Spaß macht." Die 19-Jährige stürzt sich auf das Entziffern von Hieroglyphen. Im zweiten Semester studiert sie Ägyptologie an der Universität in Bonn. Die Freunde waren anfangs perplex. Immer mal wieder kommt die Frage: Was willst du damit? - "Werden wir sehen", sagt die 19-Jährige dann und kehrt zurück zu König Setus und den Ptolemäern.
Die Nachbarn haben versucht, Anna Wesolowski das Japan-Studium auszureden. "Studier doch besser BWL", haben sie gesagt. Die Familie dagegen hat Annas Studienwahl hingenommen. "Sie fanden das erst lustig und dachten wohl: Sie meint das nicht ernst", erzählt die 19-Jährige. "Ich habe schon geschluckt", räumt ihre Mutter ein.
"Aber dann habe ich es akzeptiert. Ich kann mir Anna auch nicht im Büro vorstellen, wie sie Rechnungen schreibt. Sie wird für sich die richtige Wahl treffen", sagt Monika Wesolowski. Sie selbst hat erlebt, wie es ist, einen ungeliebten Beruf ergreifen zu müssen. "Ich musste Industriekauffrau lernen. Meine Eltern sagten damals: Das ist ein guter, sauberer Job. Dabei wäre ich lieber Floristin geworden."
Ein echte Orchidee
"Was macht man nicht alles für seine Träume", findet Franziska Marschner. Die 19-Jährige ist von Berlin an den Rhein gezogen, um an der Heine-Universität Literaturübersetzen zu studieren. Es ist der einzige Studiengang seiner Art in Europa.
"Eine echte Orchidee", sagt die Koordinatorin des Studiengangs Dr. Mona Wodsak lachend. "Etwas Seltenes, etwas Schönes, was nicht unbedingt Geld bringt", sagt die Wissenschaftlerin. Viele Studenten hätten keine Vorstellung davon, wie schlecht bezahlt und einsam der Beruf sei.
Allerdings zeigt die Statistik des Fachbereichs auch: 74 Prozent der Absolventen schaffen es in artverwandte Berufe, in Verlage, in die Medien, in den Buchhandel. "Das Studium ist anspruchsvoll, und die Studenten, die es schaffen, können mit Sprache umgehen", sagt Wodsak. Erstsemester Franziska Marschner nimmt die materiellen Unwägbarkeiten in Kauf: "Es soll mir Spaß machen", sagt die junge Berlinerin.
"Solche Fächer kann man nicht halbherzig studieren. Man muss sich reinhängen und an sich glauben", weiß auch die promovierte Ägyptologin Gabriele Pieke aus Bonn. "Dafür hat man einen Beruf, der Spaß macht. Das ist ein großes Geschenk". Philipp Tacer hat nach sechs Semestern eine Antwort für die Zweifler gefunden: "Wenn ihn jetzt jemand fragt "Und, was wird man damit?", antworte er nur noch: "Klug."
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