Serie "Auf ins Leben": TV und Radio? Gift fürs Lernen
VON PETER KORN - zuletzt aktualisiert: 21.03.2005 - 12:35Monheim (RP). TV und Radio? Gift fürs Lernen Bis zu 180 Minuten lassen sich Sechs- bis 13-Jährige pro Tag vom Fernsehen berieseln - Zeit für Computerspiele nicht eingerechnet. Viele hören sogar beim Lernen Radio oder lassen die Flimmerkiste laufen. Experten warnen vor weitreichenden Folgen.
Endlich zu Hause: Mit einer lässigen Bewegung schleudert Lukas seinen Schulranzen aufs Bett. Den Refrain der neuen Single von „Sido“, die er auf dem Nachhauseweg über Discman gehört hat, rappt er laut vor sich hin, während er sich in den Sessel fallen lässt. Ein Griff zur Fernbedienung, schon flimmert die „Oliver Geissen Show“ über die Mattscheibe. „Das brauch ich jetzt“, sagt der 13-Jährige. „Die Schule war total ätzend.“
Bis 15 Uhr ist Lukas allein in dem Einfamilienhaus am Stadtrand von Monheim. Seine Mutter hat einen Halbtagsjob. „Wenn sie nach Hause kommt, geht meist das Generve los“, sagt der Schüler. „Dann will sie unbedingt, dass ich Hausaufgaben mache. Dabei hat das doch Zeit.“ Am Ende gibt Lukas zwar meist nach, doch bevor er Matheheft und Federmappe auspackt, schaltet er das Radio ein: EinsLive. Manchmal lässt er auch den Fernseher weiter laufen, dreht nur den Ton leiser. „Hauptsache, sie merkt nicht, dass ich nebenbei gucke. Sonst brennt hier die Hütte.“
Es sind Eltern wie die von Lukas, die bei Arno Berberich Hilfe suchen. Der 55-Jährige leitet die städtische Erziehungsberatungsstelle Langenfeld/Monheim. Er sagt: „Bei uns vergeht kein Tag, an dem es nicht um den Fernseh- und Computerkonsum von Schülern geht.“ Das Problem beginne schon im Vorschulalter. „Und die Älteren müssen dann spätabends noch Stefan Raab gucken, damit sie morgens auf dem Schulhof mitreden können.“ Besonders unverständlich für Berberich: „Viele Eltern lassen ihre Kinder einfach gewähren, weil sie die Konflikte scheuen.“
Die Auswirkungen sind oft verheerend: Denn Computerspiele und zu viel Fernsehkonsum machen Kinder dumm. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kommt eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Demnach soll für den Leistungsabfall der Botenstoff Dopamin verantwortlich sein. Er bewirke bei Computergames und Fernseh-Highlights immer neue Glücksgefühle, heißt es - vorher Gelerntes werde einfach ausgeblendet.
Ganz so weit will Waltraud Pfarrer zwar nicht gehen. Doch auch die medizinische Expertin der Deutschen Angestellten-Krankenkasse nimmt das Konsumproblem mit elektronischen Medien sehr ernst. „Fakt ist, dass immer mehr Kinder immer länger vor dem Bildschirm sitzen“, sagt die Ärztin. Sechs- bis 13-Jährige lassen sich täglich zwischen 110 und 180 Minuten berieseln, Drei- bis Fünfjährige bis zu 80 Minuten. Das habe fatale Folgen, etwa für die Sprachentwicklung. „Kinder brauchen Gesprächspartner, keinen brabbelnden Fernseher, der sie zum Schweigen zwingt“, sagt Waltraud Pfarrer. Am Ende könne das tägliche Bildergewitter zu Lese- und Rechtschreibschwächen führen - von Koordinationsproblemen durch Bewegungsmangel ganz zu schweigen.
Michaela Berg vom „Deutschen Grünen Kreuz“ - die älteste gemeinnützige Gesundheitsvorsorge-Vereinigung in Deutschland - kritisiert, dass viele Eltern die Gefahren durch Dauerfernsehen nach wie vor unterschätzen. Als sie selbst noch Kinder waren, habe es vielleicht maximal fünf Programme gegeben. „Doch das Angebot heute ist viel verlockender“, sagt die 39-Jährige. „Das ist wie bei den Bonbons: Je größer und bunter die Auswahl auf dem Teller, desto mehr wird gegessen.“ Eine der Auswirkungen: Immer mehr Kinder landen mit Sehfehlern beim Augenarzt.
Leute wie Anneliesel Frädrich bekommen andere „Nebenwirkungen“ des Medienkonsums zu spüren. Die Leiterin der Hauptschule Hamminkeln beschreibt eine typische Szene aus dem Unterricht: „Da legt mir ein Schüler als Hausaufgabe 42 ausgedruckte Internet-Seiten über die Chinesische Mauer vor - und wenn ich ihn dann frage, was er denn vom Text hält, antwortet er mir: ,Ach, lesen soll ich das Zeug auch noch?’“
Die Rektorin hat kein Verständnis für Eltern, die ihren Kindern eigene TV-Apparate erlauben. „Für mich ist das der Untergang des Abendlandes. Die haben doch gar keinen Überblick mehr, was geguckt wird.“ Eindeutig ein Erziehungsproblem, glaubt Anneliesel Frädrich: „Wir haben durch Satellitentechnik und PC heute tausend Möglichkeiten, aber machen nichts draus, weil wir falsch damit umgehen.“
Koordinationsschwierigkeiten, Konzentrationsschwächen, Übermüdung - Eltern, die es bei ihren Kindern nicht so weit kommen lassen wollen, dürfen nach den Worten von Erziehungsberater Berberich keine Auseinandersetzung scheuen und vor allem nicht aufgeben, klare zeitliche Vorgaben zu machen. „Sicher gibt das Theater“, sagt er. „Aber Grenzen setzen ist nun mal eine der Grundlagen von Erziehung. Wer das nicht beherzigt, wird Probleme bekommen.“
Lukas nimmt seine Eltern längst nicht mehr ernst.
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