Strukturwandel: UN-Bildungsexperte kritisiert deutsches Schulsystem
zuletzt aktualisiert: 21.02.2006 - 13:55Berlin (rpo). Zehn Tage lang war der UN-Sonderberichterstatter Vernor Murnoz in Deutschland unterwegs, um das Schulsystem in der Bundesrepublik unter die Lupe zu nehmen. Zum Abschluss der Gespräche plädierte der Bildungsexperte für Änderungen im Schulsystem. Eine Aufteilung auf verschiedene Schulformen solle später erfolgen.
Vorschulische Bildung in Kindergärten und -tagesstätten sollte "generell kostenlos sein". Nachdrücklich mahnte er die Bundesregierung zu einer Streichung ihres Vorbehalts gegen die UN-Kinderrechtskonvention. Minderjährige Migranten müssten endlich als Kind und nicht als Flüchtling angesehen werden.
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sprach in einer ersten Bewertung von "viel Konsens und mancher unterschiedlichen Auffassung". Das große Thema sei die Integration, zu der Schule ein Schlüssel sei. Sie betonte, egal ob der Übergang auf die weiterführende Schule nach der vierten, sechsten oder siebten Klasse erfolge, dürfe das keine letzte Entscheidung über den späteren Schulabschluss bedeuten. Der Vizepräsident der Kultusministerkonferenz, Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD), begrüßte die Bewertungen des UN-Experten. Er sprach sich für eine umfassende und einheitliche Bildungsberichterstattung in Deutschland aus.
Bildung und Armut
Munoz, der seit zehn Tagen schulische Einrichtungen in Deutschland besucht und zahlreiche Spitzengespräche geführt hat, verwies auf den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und schulischer Leistung. Zwar gebe es keine direkte Verbindung zwischen Armut und Leistung. "Aber wenn man keine Chance auf Bildung hat, wird natürlich die Armut verstärkt", meinte der Costaricaner. Wer in Deutschland sozial und wirtschaftlich arm sei, sei in der Regel auch bildungsfern. Bildung sei aber ein Menschenrecht. Das gelte nicht nur für den Zugang zu Bildungsangeboten, sondern umfassend auch für guten Inhalt und Bildung mit Qualität. Munoz betonte, er sei "kein Sheriff oder Inspektor", sondern wolle die Debatte über Reformen erleichtern und fördern. Seine Erfahrungen wird er noch in einem offiziellen Bericht zusammenfassen. Auf jeden Fall sei ein Dialog über die Struktur des Bildungswesens in Deutschland notwendig.
Der UN-Beauftragte äußerte sich zurückhaltend zu einer Tendenz, in der Bildung immer mehr Kompetenzen auf Länderebene zu verlagern. Damit verliere der Bund die Möglichkeit, Einheit und Gleichberechtigung zu gewährleisten. Schavan sagte dazu, es gehe um gemeinsame Ziele auf der einen und Selbstständigkeit auf der anderen Seite; Ziel müsse eine Weiterentwicklung der föderalen Strukturen sein.
Nach Ansicht von Munoz orientiert sich das deutsche Bildungssystem zu wenig daran, alle einzubeziehen. Es schaffe eher Trennungen. Das gelte schon für Zehnjährige. Zu früh würden - bei vielfach falschen Entscheidungen - Jungen und Mädchen "aussortiert". Das habe Konsequenzen für die, die sowieso schon Probleme haben. Vielfach seien das Kinder aus Ausländerfamilien oder mit sozialen Problemen. Böger warnte, Deutschland habe noch nicht realisiert, vor welcher Herausforderung es im Bildungsbereich stehe. Damit würden Begabungen verschenkt, Möglichkeiten zur Integration blieben ungenutzt. Er verwies zugleich darauf, dass auch die sechsjährige Grundschulzeit nicht frei von Problemen sei.
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