Diagnose Bacheloritis: Warum viele Studenten unter Uni-Frust leiden
zuletzt aktualisiert: 15.08.2009 - 10:49Berlin (RPO). Experten diagnostizieren eine neue Krankheit unter Studenten. Bacheloritis. Die Symptome: Viele Studenten leiden unter Uni-Frust, fast jeder Dritte wirft das Handtuch. Der Grund: deutlich gestiegener Leistungsdruck.
In diesem Jahr werden zehn Jahre Bologna-Reform gefeiert - vielen Studenten ist aber nicht nach Party zumute. Im Gegenteil: Im Sommer haben Tausende beim Bildungsstreik ihrem Ärger über die Reform Luft gemacht. Dagegen hilft nur, offen damit umzugehen, wenn es einem zu viel wird.
Experten haben im Zuge der Bologna-Reform eine neue Krankheit ausgemacht, die unter Studenten grassiert: die Bacheloritis. Sie äußert sich in Prüfungsangst und Stresssymptomen. "Der Druck hat zugenommen", ist die Beobachtung von Achim Meyer auf der Heyde vom Deutschen Studentenwerk in Berlin. "Und damit sind auch der Stress und die Angst vor dem Versagen gewachsen." Das zeige sich täglich in den Beratungsstellen der Studentenwerke: Studenten suchten hier häufiger Hilfe wegen psychischer Probleme als früher.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Durch die Verkürzung der Studienzeit seien die Lehrpläne im Bachelor oft überfrachtet worden. "In den Ingenieurswissenschaften ist zum Teil einfach der Stoff von vier Jahren in drei Jahre gepackt worden", sagt Meyer auf der Heyde.
Studienanfänger sind in der jetzigen Umbruchphase daher fast zu bemitleiden - manche dürften sich wie Versuchskaninchen vorkommen. Denn sie bekämen noch viel Unausgegorenes aufgetischt, beklagt Florian Keller vom Dachverband der Studentenschaften in Deutschland fzs in Berlin. Vielerorts sei die Umstellung übers Knie gebrochen worden. Das Ergebnis: Die Reform wurde zwar schnell umgesetzt, aber ohne Rücksicht auf Verluste - Operation gelungen, Patient tot.
Inzwischen geben sich auch die Verantwortlichen einsichtig: "Wir wissen gut, dass mancherorts die Prüfungslast zu hoch ist oder Studienpläne zu eng geplant sind", sagt Prof. Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Bonn. Und Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) fordert, dass die Lehrpläne künftig wieder entschlackt werden. Für Studienanfänger in diesem Herbst kommt diese Einsicht aber zu spät, sagt Meyer auf der Heyde. Sie müssen sich noch durch die jetzigen Lehrpläne kämpfen.
Rund jeder Dritte bricht ein Bachelorstudium ab
Nach Daten des Hochschul-Informations-Systems bricht fast ein Drittel (30 Prozent) aller Studienanfänger ein Bachelorstudium ab. Der Schnitt aller Studenten liegt bei 21 Prozent. Besonders hoch ist die Abbrecherquote in den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften an Fachhochschulen: Dort steigen rund vier von zehn (39 Prozent) im Bachelor vorzeitig aus.
Viele Bachelorstudenten fühlen sich überfordert: 42 Prozent an der Uni und 34 Prozent an Fachhochschulen halten die Studienanforderungen für hoch bis zu hoch, sagt Christoph Heine vom Hochschul-Informations-System (HIS). 64 Prozent an der Uni und 55 Prozent an der FH klagen über eine zu große Stoffmenge. Das HIS hatte 2008 knapp 30.000 Studenten befragt.
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