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Das intelektuelle Prekariat: Wozu Geisteswissenschaften?

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 25.01.2007 - 10:40

Düsseldorf (RP). Am Donnerstag startet offiziell das „Jahr der Geisteswissenschaften“. Doch die Fächer des Denkens stehen immer wieder in der Kritik - denn: Mit den Ergebnissen ihrer Forschung wird man nicht schneller fahren, höher fliegen, länger leben können.

Das neue Buch von Luc Ferry verspricht eine Sensation: Der Autor und frühere französische Erziehungsminister will den Kern aller Philosophie entdeckt haben; der heißt „Leben lernen“. In der Begegnung von Philosophie und Lebensvollzug soll auch der Nervenkitzel dieses Jahres stecken. Denn 2007 ist neben anderen Mahn- und Gedenkanlässen auch das „Jahr der Geisteswissenschaften“, ausgerufen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Zur Teilnahme ermuntern nicht nur 64 Millionen Euro, die bis 2009 für geisteswissenschaftliche Spitzenforschung bereitgestellt werden. Im Grunde geht es um die intellektuelle Wurst, oder, mit den Worten des Ministeriums gesprochen: um das „ABC der Menschheit“. Das sind wieder diese großen Worte, die bei Skeptikern das Stirnrunzeln noch verstärken. Deren Fragen an die Disziplin des Denkens sind oft kurz und bedrohlich: Geisteswissenschaften - was ist das, wem nützen sie?

Studentenzahl seit Jahren gestiegen

Schon der Versuch einer Antwort auf die erste Frage ist etwas für Spezialisten: Immerhin verstehen sich hierzulande 96 Fächer in 17 Studienbereichen als Geisteswissenschaften - von der Archäologie über Philosophie bis zur Orientalistik. 5500 Professoren lehren sie, 350.000 Studierende lernen sie - vor allem Philologien wie Germanistik mit 95.000 Studierenden, Anglistik (49.000), Romanistik (23.000); aber auch Geschichte lockt (37.000).

Trotz aller Unkenrufe der Kommilitonen anderer Fachbereiche und der Warnrufe aus dem Elternhaus ist die Zahl der Geisteswissenschaftler in den vergangenen 16 Jahren angestiegen - von 19 auf 26 Prozent der Gesamtstudentenzahl, so das Ministerium.

Für viele, die nicht ins Lehramt streben, sind die Berufsperspektiven mau. Das Bild vom flexiblen Alleskönner ist trügerisch, der Taxi-Stand oft die Endstation des Hochqualifizierten. Und wer Byzantinistik auf Diplom studiert, kann das Straßennetz schon parallel zum Prosemester studieren.

Fächer als Luxus

Geisteswissenschaftler gelten zunehmend als das intellektuelle Prekariat in Deutschland, ihre Fächer als Luxus. Mal haben sie den „Status des Hofnarren“, mal sind sie „lästig wie Kassandra, deren unbequeme Worte man gerne meidet“, sagt Professor Gert Kaiser, Geisteswissenschaftler und Präsident des Wissenschaftszentrums NRW.

Diesen Legitimationsdruck wird das „Jahr der Geisteswissenschaften“ nicht nehmen. Das ist, selbst wenn er Kräfte raubt, gut so. Alle Fragen müssen erlaubt sein, aber auch alle Antworten ernstgenommen werden. Denn nur so wird in 2007 die Chance stecken, Geisteswissenschaftler stärker zu ermuntern, nicht mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu denken.

Vorbehalte gegen die Geister des Elfenbeinturms gibt es auch andernorts, nirgends aber wird die Debatte so fundamental geführt wie in Deutschland - dem Land also, das diese Wissenschaft erfunden hat. Genauer gesagt: der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911), der in seiner „Einleitung in die Geisteswissenschaft“ das Fach als „Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen“ beschrieb.

Geburtsstunde im 19. Jahrhundert

Das frühe 19. Jahrhundert ist als Geburtsstunde der Geisteswissenschaften nach den Worten Kaisers wichtig. Denn die Deutschen gründeten eine geistige Nation, als ihnen die staatliche verwehrt blieb. Aber die Deutschen lernten eine weitere Lektion: Dass nämlich das große humanistische Erbe keinerlei Abwehrkraft besitzt gegen Verführung und staatliche Verbrechen. Ausgerechnet im Land der Geisteswissenschaften wurden Rassenwahn und Völkermord möglich; der Geist konnte nicht verhindern, dass neben Weimar das Konzentrationslager Buchenwald entstand.

Vielleicht hat die Grundsatzkritik an den Geisteswissenschaften auch deshalb hier oft etwas Fanatisches. Das wird bleiben, zumal die Fächer des Geistes einen greifbaren Nutzen nie werden bieten können. Mit den Ergebnissen ihrer Forschung wird man nicht schneller fahren, höher fliegen, länger leben können.

Was die Geisteswissenschaften dagegensetzen, sind Werte, die manchmal so hoch sind, dass der Unbekümmerte getrost darunter durchgehen kann, ohne berührt zu werden - etwa: das Gedächtnis der Gesellschaft, das Verständnis für fremde Kulturen und Religionen, die Lust am Denken und die Bereicherung des Lebens, Bildung als Fundament der Gesellschaft.

Nicht mehr in geduckter Haltung

Aber die Angriffe auf die Geisteswissenschaften werden von den Attackierten nicht mehr in geduckter Haltung pariert. Wolf Lepenies, Friedenspreisträger der Deutschen Buchhandels, war in der Frankfurter Paulskirche jüngst mit diesen Worte zu hören: „Lange Zeit wurden die Geisteswissenschaften marginalisiert. Ihre chronische Unterförderung beruhte auch auf ihrer Unterforderung. Beides können wir uns nicht länger leisten.“

Also raus aus dem Elfenbeinturm? Im Gegenteil: Mit aller Leidenschaft hinauf! Denn nur wer sich nach oben wagt, kann - so Wolf Lepenies - vom Elfenbeinturm aus weit sehen. Eigentlich eine gute Perspektive für 2007.


 
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