Viele Bewerber unqualifiziert: Zigtausende Lehrstellen unbesetzt
VON THORSTEN BREITKOPF UND CHRISTIN NÜNEMANN - zuletzt aktualisiert: 01.09.2010 - 09:50Düsseldorf (RP). Früher war die Besetzung von Ausbildungsplätzen für Firmen einfach. Doch allmählich macht sich der demografische Wandel bemerkbar. Viele Betriebe finden keine oder keine geeigneten Bewerber.
Heute starten die meisten Ausbildungsverträge. Noch vor wenigen Jahren buhlten etliche Bewerber um die wenigen Stellen, und das ist heute in einigen Branchen immer noch so. Doch die Wende ist absehbar: Viele Betriebe finden keine Auszubildenden. Bundesweit sind zum 1. September 70.300 Lehrstellen unbesetzt, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) gestern mitteilte. Das entspricht einem Anstieg von rund acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allein in NRW sind derzeit noch fast 11.500 Azubi-Stellen frei.
Gleichzeitig gibt es selbstverständlich noch Bewerber, die keine Lehrstelle gefunden haben. Deutschlandweit sind es 97.400. Das sind zwar Kandidaten als es freie Stellen gibt, doch diese „Lehrstellenlücke“ wird immer kleiner. Gegenüber August 2009 schrumpfte sie um 10.300 Bewerber. Ursache für diesen Trend ist der demografische Wandel. Immer stärker bekommt der Arbeitsmarkt das Problem der geburtenschwachen Jahrgänge zu spüren. In wenigen Jahren werde es auch rechnerisch keinen Überhang an Bewerbern mehr geben, sind sich Experten sicher. Warum bleiben derzeit trotz des noch bestehenden Überhangs so viele Lehrstellen unbesetzt? Zahlreiche Unternehmen seien mit den Bewerbern nicht zufrieden, lautet die einfache Antwort.
Von Oktober 2009 bis August 2010 wurden der Bundesagentur für Arbeit insgesamt 445.900 Ausbildungsstellen gemeldet, 9700 oder zwei Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gegenüber dem Vergleichszeitraum im Boomjahr 2007/2008 sind allerdings vier Prozent weniger gemeldet.
Betriebe: Grundvoraussetzungen fehlen
Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Sauberkeit und ein gepflegtes Äußeres erwartet Bäcker- und Konditormeister Wilhelm Behmer von seinen Bewerbern. „Bei vielen scheitert es schon an diesen Grundvoraussetzungen“, klagt Behmer. Drei Lehrstellen in seinem Betrieb sind noch unbesetzt.
Oliver Plantenberg ist Chef der Düsseldorfer Werbeagentur City Update. Früher hatte er regelmäßig 80 Bewerber für seine zwei Ausbildungsplätze zum Kaufmann für Marketingkommunikation, heute sind es noch 50. Oft komme höchstens ein Fünftel davon in die nähere Auswahl. Eine Stelle ist bei City Update derzeit noch frei. „Bei unseren Rechtschreib- und Logiktests, denen wir die Bewerber unterziehen, offenbaren sich teilweise dramatische Lücken“, sagt Plantenberg. „Wir aber brauchen eloquente und analytische Mitarbeiter.“ Diese hätten nach der Lehre auch sehr gute Chancen auf eine Übernahme.
Die Arbeitsagentur mahnt die Unternehmen, auch schwächeren Bewerbern eine Chance zu geben, anstatt eine Stelle nicht zu besetzen. Betriebe setzten auf Schulabgänger mit den besten Zeugnissen, den angenehmsten Umgangsformen und der höchsten Motivation für die Ausbildung in ihrem Betrieb, sagt Christiane Schönefeld, Leiterin der Regionaldirektion der Bundesagentur in Nordrhein-Westfalen. Das sei nachvollziehbar, erfülle sich aber angesichts sinkender Abgängerzahlen immer seltener, so Schönefeld. „Mit Blick auf den wachsenden Fachkräftebedarf sind Strategien gefragt, alle vorhandenen Talente zu erkennen und zu entwickeln.“ Schönefeld plädiert dafür, „Bewerberinnen und Bewerber, die vielleicht nur 80 Prozent des Anforderungsprofils abdecken, nicht zu 100 Prozent von einer Ausbildung auszugrenzen.“
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