"Stalking" ist ein Massenphänomen: Der Terror von Verehrern ist kein Promi-Problem
zuletzt aktualisiert: 11.07.2004 - 10:48Berlin (rpo). Der Terror von verletzten Verflossenen oder Langzeit-Liebessüchtigen ist nicht allein ein Prominenten-Problem. In Deutschland werden viel mehr Menschen von Verehrern verfolgt oder hartnäckig belästigt, als bislang bekannt.
Eine Studie des Mannheimer Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in der Bevölkerung ergab jetzt, dass zwölf Prozent der Befragten schon einmal Opfer hartnäckiger Nachstellungen durch ehemalige Partner oder Liebessüchtige wurden. Jüngstes prominente Opfer ist die ZDF-Nachrichtensprecherin Anja Charlet.
Charlet wird nach eigenen Angaben seit fünf Jahren von einem Fan verfolgt. Der Mann mache ihr mit obszönen Anrufen, perversen Briefen und E-Mails das Leben zur Hölle, sagte die Journalistin. Er habe ihr und ihrem Mann auch mit Mord gedroht und ihr nachts vor der Wohnung aufgelauert. "Ich war geschockt, weil er meine Adresse herausgefunden hatte", sagte sie. Die Polizei habe ihr allerdings gesagt, sie könne erst eingreifen, wenn ihr der Mann etwas getan habe, berichtete Charlet und kritisierte: "Es ist doch unfassbar. Der macht uns das Leben zur Hölle und wird nicht bestraft."
Psychologen schätzen, dass rund 80 Prozent aller Prominenten in Deutschland schon Stalking-Erfahrung gemacht haben. Betroffen waren unter anderen TV-Moderatorin Andrea Ballschuh, Schauspieler Rainer Hunold sowie die Sänger Jeanette Biedermann und Patrick Lindner. Wie weit Stalker im Extremfall gehen können, zeigt der tragische Tod von John Lennon. Der Ex-"Beatle" wurde im Dezember 1980 von dem psychisch gestörten Fan Mark David Chapmann ermordet.
Wissenschaftler sprechen bei Stalkern auch von "Identitätsvampiren", die aufgrund eines mangelnden Selbstwertgefühls versuchten, mit ihrem Verhalten an die Größe ihres Idols anzuknüpfen.
Der Mannheimer Studie zufolge wird jedes vierte Opfer länger als ein Jahr drangsaliert, fast jedes dritte Opfer von dem Verfolger angegriffen oder verprügelt. Fast die Hälfte der Verfolgten leide unter Angst und Schlafstörungen, jeder vierte Betroffene suche einen Arzt oder Therapeuten auf, 18 Prozent hätten sich krank schreiben lassen.
Zudem fanden die Wissenschaftler heraus, dass nur jedes fünfte Opfer zur Polizei geht, obwohl "Stalker" eindeutige Straftatbestände wie Nötigung oder Bedrohung erfüllten. "Offensichtlich fehlt das Vertrauen in Behörden und Justiz", sagte Untersuchungsleiter Harald Dreßing. Deshalb müsse es auf juristischer Ebene Verbesserungen geben.
Derzeit greift bei "Stalking"-Vorgängen das Gewaltschutzgesetz. Hessen brachte kürzlich im Bundesrat eine Gesetzesinitiative ein, die Stalking mit bis zu zwei Jahren Gefängnis ahnden soll. In dem Entwurf wird das Phänomen als fortwährendes Nachstellen oder Verfolgen gegen den ausdrücklichen oder "schlüssig erklärten" Willen eines anderen bezeichnet. Der Entwurf soll Ende des Jahres im Bundestag beraten werden.
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