Studie der Bertelsmann-Stiftung: Deutsche Bevölkerung schrumpft stark
VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 04.11.2010 - 12:55Düsseldorf/Gütersloh (RP). Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung untermauert die wachsende Sorge vor einem dramatischen Geburtenrückgang in Deutschland. Das liegt nicht zuletzt an den dezimierten Eltern-Jahrgängen.
Thilo Sarrazins Sachbuch-Bestseller "Deutschland schafft sich ab" beklagt in teilweise alarmistischem Ton einen Zustand, den auch weniger reißerisch veranlagte Publizisten, beispielsweise der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, als dramatisch skizzieren: den eklatanten Geburtenrückgang im Land und damit verbunden die Sorge vor der "Methusalem-Republik". 2009 wurden rund 650 000 Babys geboren – in Relation zur Einwohnerzahl so wenig wie in keinem andern EU-Land.
Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung spitzt den Befund weiter zu. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die deutliche Abnahme der Elternjahrgänge den Geburtenrückgang in Deutschland noch stärker als bislang angenommen forciere. Nach der Untersuchung wird die Anzahl der 22- bis 35-Jährigen (Elternjahrgänge) bis zum Jahr 2025 um 1, 15 Millionen Menschen zurückgehen. Während der Anteil der Elternjahrgänge an der Gesamtbevölkerung im Jahr 2006 noch bei 16, 8 Prozent (13,79 Millionen) gelegen habe, werde er innerhalb von nur fünfzehn Jahren auf 15,7 Prozent (12,64 Millionen) sinken.
In den vierzehn Altersjahrgängen zwischen 22 und 35 Jahren lag laut Bertelsmann-Studie die Geburtenwahrscheinlichkeit in Deutschland in den letzten Jahren bei mehr als fünf Prozent. Auf hundert Frauen in jedem dieser Altersjahrgänge entfielen demnach mindestens fünf Geburten pro Kalenderjahr.
Im ländlichen Raum werden die Geburtenzahlen der Untersuchung zufolge deutlicher sinken als in Großstädten beziehungsweise städtischen Ballungsräumen: So wird etwa im Landkreis Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern der Anteil der 22- bis 35-Jährigen an der Gesamtbevölkerung in den nächsten 15 Jahren auf nur noch 9,5 Prozent zurückgehen. Auf tausend Einwohner kommen dort im Jahr 2025 nur noch (statistisch) 4, 4 Geburten.
In München hingegen wird der Anteil der Elternjahrgänge zwischen 22 und 35 Jahren der Bevölkerung in fünfzehn Jahren bei 21 6 Prozent prognostiziert und somit gegenüber heute fast konstant bleiben. Auf tausend Einwohner kommen in Bayerns Landeshauptstadt dann 10,7 Geburten.
Der Grund für den Rückgang der Elternjahrgänge liegt zum einen in den rückläufigen Geburtenzahlen der letzten Jahrzehnte. Das wiederum wirkt sich logischerweise nunmehr auch verstärkt auf die Anzahl potenzieller Eltern aus. Zum anderen führt die so genannte Bildungs-Wanderungsbewegung junger Menschen zu einer relativen Konzentration der Elternjahrgänge in städtischen Regionen. In vielen Gemeinden im ländlichen Raum wird es deshalb nach Erkenntnissen der Bertelsmann-Studie immens wichtig, wenn nicht sogar überlebenswichtig zu versuchen, junge Menschen zu halten oder Weggezogene zur Rückkehr aufs Land zu bewegen. Attraktivität des Lebensumfeldes, Arbeits- und Bildungsangebote, gute Verkehrsverbindungen – so lauten hierzu die entscheidenden Lockmittel für Jüngere.
Nach Angaben der Stiftung bekommen die Frauen in Deutschland ihre Kinder immer später. Von 2002 bis 2006 stieg das durchschnittliche Gebäralter kontinuierlich von 29,8 auf 30,1 Jahre an. Die höchsten Werte erzielten in den Zusammenhang Hamburg, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Dort lag das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt zwischen 30,6 und 31,0 Jahren. In den fünf östlichen Bundesländern betrug es nur 28,6 Jahre – fast zwei Jahre weniger als im Durchschnitt aller westdeutschen Flächenländer (30,4 Jahre). Am niedrigsten lag das Gebäralter in Sachsen-Anhalt (28,1 Jahre) sowie in Mecklenburg-Vorpommern (28,2 Jahre).
Thilo Sarrazins steile Buchthese von der allmählichen Selbstabschaffung der Deutschen notiert in der unterkühlten Statistiker-Sprache eine "Netto-Reproduktionsrate" von 0,7 oder weniger Töchter pro Frau, und das schon seit 40 Jahren. Das bedeute nichts anderes, als dass die Enkel-Generation jeweils nur noch halb so groß sei wie diejenige der Großeltern. Die Geburtenzahl sei von mehr als 1,3 Millionen Babys pro Jahr in der ersten Hälfte der sechziger Jahre auf auf 650 000 im vergangenen Jahr gesunken. Wenn das sich weiter so fortsetze, betrage die jährliche Geburtenzahl in 90 Jahren nur noch 200 000 bis 250 000.
Nicht nur Sarrazin, sondern viele andere Autoren kritisieren, dass die prekäre demografische Entwicklung in Deutschland jahrzehntelang nicht ausführlich und ernsthaft genug debattiert worden sei. Viele derjenigen, die sich rechtzeitig über den deutschen Geburtenschwund besorgt geäußert haben, setzten sich nach Sarrazins Meinung dem Verdacht einer deutsch-völkischen Gesinnung aus.
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