Deutsche Schüler bei Pisa Mittelmaß: Die Kulturnation stockt beim Lesen
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 08.12.2010 - 20:48Düsseldorf (RPO). Die deutschen Schüler sind im Pisa-Test nur Durchschnitt, was ihre Lesekompetenz betrifft. Darin stagnieren sie seit mehreren Jahren. Experten rätseln über die Ursachen. Fest steht: Computer und Internet sind nicht Schuld. Doch die Familie spielt eine zentrale Rolle.
Der Schwerpunkt der Pisa-Studie 2009 lag beim Lesen. In allen Ländern zeigt sich: Wer gerne Romane, Erzählungen und Geschichten schmökert, schneidet bei Pisa deutlich besser ab als Altersgenossen, die ungern lesen. Aber: Beim Lesen zeigen noch immer viele deutsche Schüler erhebliche Schwächen. In Mathematik und den Naturwissenschaften können sich die Leistungen der deutschen Schüler im internationalen Vergleich hingegen sehen lassen.
"Seit 2003 dümpeln wir herum"
Doch unterm Strich ist das Ergebnis ernüchternd. So bewegen sich die deutschen Schüler mit ihrer Lesekompetenz nur im Durchschnitt der 63 Teilnehmerländer aus aller Welt. 497 Punkte hat die ehemalige Kulturnation erzielt. Zur Einordnung: Schlusslicht Mexiko bekam 425 Punkte, Spitzenreiter Südkorea 539.
Wer sich die Fortschritte im Laufe der vergangenen Jahre anschaut, stößt auf ein weiteres Problem. „Nach der ersten Pisa-Studie haben wir einen großen Sprung nach oben gemacht, aber seit 2003 dümpeln wir herum“, erläutert der Bildungsforscher Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen im Gespräch mit unserer Redaktion.
Zwar hat auch Deutschland hat Fortschritte erzielt, wenn auch auf geringem Niveau. Der Anteil der Schüler, die mit 15 Jahren beim Lesen faktisch auf Grundschulniveau liegen, ist von 22,6 Prozent im Jahr 2000 auf 18,5 Prozent zurückgegangen. Der Aufstieg ins obere Pisa-Mittelfeld bei der Lesekompetenz ist vor allem den Verbesserungen am unteren Ende geschuldet.
Entscheidend sind die familiären Milieus
Als Ursache macht er so etwas wie die kognitive Tiefe des Lesens aus. Im Gegensatz zur Mathematik lässt es sich nicht in wenigen Stunden in der Schule erlernen, erläutert Klemm. „In drei, vier Stunden pro Woche lässt sich da nicht viel aufholen“, sagt der Experte. Schüler erarbeiten sich ihre Lesekompetenz vielmehr in den Familien. Dort sei der Ort, wo auch über Texte gesprochen und diskutiert wird. Das schult das analytische Vermögen.
Wie wichtig ein tiefergehendes Verständnis von Sprache ist, erläutert der Wissenschaftler anhand von zwei Anekdoten. So zeigten seine Erfahrungen oftmals, dass Schüler aus Migrantenfamilien problemlos in die Grundschule starten, aber Ende der 2. Klasse einbrechen, sobald Textaufgaben eine tragende Rolle bekommen.
Lesen als Schlüssel zur Welt
Gut in Erinnerung ist ihm auch das Gesicht eines Jungen aus der 7. Klasse, den der Satz „Der Bauer spannt sein Pferd ins Geschirr“ vor ein unlösbares Rätsel stellte. Er hatte schlichtweg noch nie etwas davon gehört, dass der Begriff „Geschirr“ nicht nur Tassen und Teller beinhaltet, sondern auch Zubehör für ein Pferd. Lesen sei neben der Mathematik der zentrale Zugangsschlüssel, mit dem sich die Welt erschließen lässt, betont Klemm.
Klemms Ansicht spiegelt sich in einer weiteren zentralen Erkenntnis der Pisa-Studie: Der familiäre Hintergrund spielt beim Bildungserfolg eine entscheidende Rolle. Der Zusammenhang, dass Kinder aus Akademikerhaushalten bessere Schulleistungen bringen, ist in Deutschland zurückgegangen, aber immer noch deutlich.
PCs trifft keine Schuld
Migranten haben es hingegen doppelt schwer. Der Leistungsunterschied zwischen Jugendlichen, die zu Hause Deutsch sprechen, und jenen, bei denen das nicht der Fall ist, spricht Bände: Er liegt immer noch bei 60 Kompetenzpunkten auf der Pisa-Skala. Das entspricht dem Lernstoff von anderthalb Schuljahren. Trotz des immer noch hohen Abstands gibt es auch beim Leistungsniveau der Migranten einen Fortschritt. Vor zehn Jahren betrug der Leistungsunterschied zu den Jugendlichen deutscher Herkunft noch etwa drei Schuljahre.
Dennoch trägt der Anteil von wenig sprachkundigen Schülern mit Migrationshintergrund wesentlich zum enttäuschenden Abschneiden bei. Würde man die Migranten aus den Pisa-Ergebnissen herausrechnen, würde Deutschland einen weiten Sprung nach oben in Richtung Finnland machen, erläutert Klemm. Die Heterogenität der deutschen Gesellschaft ist eine der maßgeblichen Ursachen für das wenig glanzvolle Abschneiden der Deutschen im Bildungs-Ranking. Finnland hat übrigens kaum Schüler mit fremdsprachlichem Hintergrund in seinem Schulsystem, so Klemm.
Die Nutzung moderner Medien ist nach Ansicht der Pisa-Forscher übrigens keine der tragenden Ursachen für die schlechte Lese-Kompetenz vieler deutscher Schüler. Vielmehr ist der modernen Pädagogik auch der Computer als Förderer von Lesekompetenz willkommen: Schüler, die viel online chatten, E-Mails schreiben und lesen, Informationen im Netz suchen und an Diskussionsforen teilnehmen, haben bei der Lesekompetenz ebenfalls einen Vorsprung.
Regierung startet Lese-Projekt
Das Bundesbildungsministerium rief angesichts der zum Teil massiven Lese-Schwierigkeiten zusammen mit der Stiftung Lesen die Initiative "Lesestart" ins Leben, die im kommenden Jahr starten soll. Das Programm zielt besonders darauf, Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien früh an Bücher heranzuführen. Dazu sollen die Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren zum Lesen und ihre Eltern zum Vorlesen ermutigt werden. Die Initiative konzentriert sich zunächst auf soziale Brennpunkte.
Zunächst sollen einjährige Kinder und ihre Eltern bei der vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchung U6 ein kostenloses Lesestart-Set erhalten, das ein Bilderbuch, Lesetipps für Eltern und Hinweise auf Initiativen vor Ort enthält.
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