Da Vinci-Code entschlüsselt: Echtes Bild, falsche Frau?
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 15.10.2009 - 19:36Blackwood (RP). Bei dem geheimnisumwitterten Bild "La Bella Principessa" handelt es sich tatsächlich um ein echtes Werk Leonardo da Vincis. Experten vermuteten bislang, die junge Frau stamme aus einer Mailänder Adligen-Dynastie. Wer sich das Bild aber genau anschaut erkennt: Die abgebildete Dame ist weder Bianca Sforza noch überhaupt eine Prinzessin.
"Wenn sie ein Mitglied der mailändischen Herrscher-Familie gewesen wäre, hätte man sie mit den charakteristischen Symbolen dieser mächtigen Dynastie versehen", so die Sforza-Expertin Maike Vogt-Lüerssen gegenüber unserer Redaktion.
Der Leonardo-Experte Martin Kemp, der im kommenden Jahr ein Buch über den Sensations-Fund veröffentlichen will, hatte vorgeschlagen, das erst 1998 im Kunsthandel aufgetauchte und zunächst unterbewertete Bild könne eine uneheliche Tochter des Herzogs von Mailand zeigen. „Ich habe von sämtlichen Kindern von Lodovico il Moro Sforza Porträtgemälde gefunden. Nein, die Dargestellte ist keine Tochter von ihm”, sagt Maike Vogt-Lüerssen.
Die Wahrheit liegt in einer Schleife
Tatsächlich findet sich auf allen bekannten Bildern der Sforzas irgendwo immer ein besonderes Symbol: Eine offene Schleife. Davon ist auf dem Bild „La Bella Principessa” nichts zu sehen. "Die Gemälde der Renaissance ermöglichen durch die von den Malern zugefügten Symbole der hohen Dynastien in ungefähr 80 Prozent ihrer Werke eine Identifizierung der Abgebildeten. Die Identifizierung des Malers ist zumindest in Werken der Renaissance hingegen fast unmöglich. Nur sehr wenige Werke weisen die Signatur des Malers auf und wenn, können wir immer noch nicht sicher sein, ob diese Signatur wirklich von ihm stammte und nicht irgendein Besitzer dieses Werkes den Namen des Malers hinzufügte", erklärt Maike Vogt-Lüerssen.
Die deutsche Kunstexpertin mit Wohnsitz in Australien ist sich jedoch sicher, dass das ungewöhnliche Porträt ein echter da Vinci ist - denn es enthält sogar recht offen Leonardos Signatur: Eine Stickerei auf der Schulter des Gewands gibt eine zum so genannten „Vinci-Knoten” verschlungene Kordel wieder. Dabei handelt es sich um die exakte Wiedergabe eines Details aus dem Wappen der von Leonardo in Mailand gegründeten Akademie. Alessandro Vezzosi, Leiter des Leonardo-Museums in Vinci, vermutete bereits im Sommer 2008, dass das unbekannte Bild für die Hochzeitswerbung einer jungen Frau gedient haben könnte.
Die It-Girls ihrer Zeit
Wenn es nicht die Sforzas waren, für die Leonardo 16 Jahre lang als Hofmaler arbeitete, wer wäre bedeutend genug für einen solchen Auftrag gewesen? „Es handelt sich um die hübsche Cousine und Hofdame von Lucrezia Borgia, die recht berühmte Angela Borgia Lanzol”, so Maike Vogt-Lüerssen. Das würde das Bild eigentlich noch interessanter machen als eine Darstellung von Bianca Sforza. Der Hof der ebenso berühmten wie berüchtigten Lucrezia Borgia in Ferrara war legendär, nicht zuletzt wegen seiner Fürstin. Lucrezia war Tochter eines Papstes und Schwester eines Kardinals. Der zweite ihrer vier Männer, Giovanni Sforza, streute das Gerücht, der Papst und ihr Brüder hätte seine Ehe vernichtet, um in Blutschande mit Lucrezia leben zu können.
Ihre Cousine und Hofdame Angela Borgia Lanzol war ein echtes It-Girl ihrer Zeit. Als Auftraggeber des Bildes komme Ippolito d‘Este in Betracht, der eine enge Verbindung zu Leonardo unterhalten habe, meint Maike Vogt-Lüerssen: „Er war bis über beide Ohren in diese Dame verliebt war, die für beträchtliche Schlagzeilen sorgte.” Auch die Farben des Kleides wiesen auf ein Mitglied der Borgia hin.
Manche Rätsel bleiben offen
Dennoch bleibt das Bild für einen echten Leonardo erstaunlich genug. Es hat eine Größe von 33 x 24 Zentimentern. Gemalt ist es mit Kreide, Stift und Tinte auf Vellum, einer besonders feinen und lichtbeständigen Pergament-Art, die aus der Haut von Kälbern und Kälberföten hergestellt wurde. Das Pargement ist dann auf einer Eichenholz-Platte befestigt worden. Wenn das Bild echt ist, dann wäre es das einzige bekannte Werk Leonardos auf Vellum. Martin Kemp verweist darauf, dass Leonardo sich 1494 bei dem französischen Hofmaler Jean Perréal intensiv erkundigt habe, wie man mit farbiger Kreide auf diesem Material arbeite. Da Vinci-Experte Kemp vermutet, Leonardo könnte das ihm eigentlich fremde Vellum benutzt haben, weil beabsichtigt gewesen sein könnte, das Blatt als Schmuck in einem Gedicht-Band zu verwenden. Es gebe drei Nadel-Löcher am linken Rand des Bildes, die darauf deutet, dass es einmal Teil eines gebundenen Manuskripts gewesen sei.
Die Frage nach der Echtheit beantwortet das alles nicht. Im Gegenteil: Ein mit Kreide, Stift und Tinte auf Vellum gemaltes Bild ließe sich mutmaßlich schwerer als Fälschung überführen als ein mit Farbe direkt auf Holz oder Leinwand gemaltes Bild. Den Triumph, einen Fingerabdruck Leonardos auf dem Bild gefunden zu haben, hält Maike Vogt-Lüerssen für abwegig: "Man sollte wirklich diesen Unsinn endlich nicht mehr anführen. Wir haben nicht einen einzigen 100 Prozent sicheren Fingerabdruck von Leonardo."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum
