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Streit um die richtige Erziehung: Experten warnen vor zu viel Strenge

VON SILKE SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 09.03.2009 - 18:47

Düsseldorf (RP). Berhard Buebs Streitschrift "Lob der Disziplin" war ein Bestseller. Auch andere Experten, die Strenge und Strafen in der Erziehung fordern, haben Zulauf. Nun aber melden sich laustark die Gegner zu Wort. Sie warnen vor den Folgen und plädieren für einen liebevollen Stil.

Info
Die Autoren

Wolfgang Bergmann, Psychologe aus Hannover, veröffentlicht in Kürze "Warum unsere Kinder ein Glück sind".

Bernhard Bueb ("Lob der Disziplin") ist Theologe und Pädagoge aus Überlingen.

Michael Winterhoff ("Warum unsere Kinder Tyrannen sind") arbeitet als Psychiater in Bonn.

"Benni, zieh bitte deine Schuhe an." Benni (3) rennt weg. Seine Mutter hält ihn fest. "Ich komme zu spät. Los jetzt!" Sie zieht ihm die Schuhe an, aber als sie die Klettverschlüsse schließen will, wirft er sich heulend auf den Boden. Die Mutter wird laut: "Gut. Dann bleibst du alleine hier." Die Wohnungstür fällt hinter ihr zu. Benni rennt laut weinend hinter ihr her – auf Strümpfen.

Will das Kind Grenzen austesten? Einen Machtkampf anzetteln? Braucht es eine strengere Hand? Ratgeber wie "Lob der Disziplin" von Bernhard Bueb oder "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" von Michael Winterhoff vermitteln diesen Eindruck. Beide standen lange oben auf den Bestsellerlisten. Doch vermehrt regt sich nun Kritik an der Idee der strengen Führung. "Beide vertreten eine veraltete, kontraproduktive Pädagogik", sagt Lienhard Valentin, der bundesweit Eltern berät und die Zeitschrift "Mit Kindern wachsen" herausgibt. "Das Ziel ihrer patriarchalischen Haltung ist, gehorsame, leicht zu lenkende Kinder zu produzieren."

Es geht um Orientierung

Laut Valentin wollen viele junge Eltern ihr Kind eigentlich nicht autoritär erziehen. "Aber wenn der Nachwuchs einen eigenen Willen entwickelt, wissen sie sich nicht zu helfen und greifen auf alte Mittel zurück – auch wenn sie selbst darunter als Kind gelitten haben." Was Eltern fehle, sei Unterstützung, wie sie es anders machen können. Die gibt die US-Amerikanerin Naomi Aldort. In ihrem Buch "Von der Erziehung zur Einfühlung" (2009) ermutigt sie Eltern, das zu tun, was alle eigentlich wollen: ihr Kind lieben und ihm das auch zeigen.

Also nicht schreien und drohen, sondern dem Kind vermitteln, dass es mit all seinen Gefühlen und Bedürfnissen richtig ist. Damit meint die Mutter dreier Söhne durchaus nicht, dass Kindern alles erlaubt sein sollte. Heranwachsende bräuchten Orientierung durch Erwachsene. Sie plädiert auch für ein klares "Nein", wo Eltern es vertreten wollen. Aber egal, wie die Realität aussieht: Eltern haben die Möglichkeit, respektvoll zu sein statt Respekt zu erwarten.

Konkret werden

Aldorts Prinzip lässt sich auf Benni übertragen. Spulen wir seinen Wutanfall einmal zurück: "Benni, zieh bitte deine Schuhe an." Das Kind wird wütend, seine Mutter auch. Aber sie wartet, bis sie sich wieder gefasst hat. Dann fragt sie, was ihn denn so wütend mache. "Ich will selber bestimmen", heult ihr Sohn. Die Mutter kritisiert ihn nicht, sie hört einfach zu. Benni sagt nach einer Weile, dass er die Schuhe nicht alleine anziehen kann, weil die Zungen dann nach vorne rutschen. Aber wenn sie ihm hilft, zieht sie die Klettverschlüsse immer so eng. Die beiden machen ab, dass die Mama künftig bei den Zungen hilft und Benni den Rest alleine macht.

In diesem Fall hat die Mutter nicht reflexartig ihre Wut an dem Kind ausgelassen. Aldort erwartet nicht von Eltern, dass sie ihre Gefühle unterdrücken, aber sie rät, durchzuatmen und die Spontanreaktion stumm im Inneren ablaufen zu lassen. Ihre Tipps sind konkret und zeigen, wie man es schafft, sich dem Kind zuzuwenden und ihm wirklich zuzuhören.

Tyrannei schadet auch dem Kind

Auch Lienhard Valentin ist überzeugt, dass Kinder auf diesem Wege viel eher mit moralischem Verhalten vertraut werden, als wenn Erwachsene meinen, ihnen dies durch Gebote und Verbote anerziehen zu müssen. Menschlichkeit und Mitgefühl seien angeboren, "aber sie können sich nur in einer liebevollen, einfühlsamen Umgebung entfalten."

Doch was, wenn ein Kind Wutausbrüche einsetzt, um zu bekommen, was es will? Dann, sagt Aldort, habe es bereits zwei ungünstige Dinge gelernt: Erstens, dass es erst dann etwas erreicht, wenn es laut schreit. Und zweitens, dass es, wenn es nur laut und lange schreit, alles kriegt. Doch das ist nicht nur Tyrannei für die Eltern, sondern es schadet auch dem Kind. Es lernt nicht, dass wir auch damit leben können, wenn die Welt mal nicht nach unserer Nase tanzt.

Quelle: RP

 
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