Archäologischer Fund: Forscher zeigen Pferdekopf aus der Römerzeit
zuletzt aktualisiert: 27.08.2009 - 16:06Fankfurt/Main (RPO). Ein sensationeller Fund. Bei Ausgrabungen in Waldgirmes bei Wetzlar haben Archäologen einen lebensgroßen Pferdekopf einer römischen Reiterstatue entdeckt. Am Donnerstag haben die Forscher ihn in Frankfurt am Main erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Etwa 2000 Jahre lang hat der Pferdekopf einer römischen Reiterstatue unbemerkt in einem Holzbrunnen gelegen - bis jetzt: Ausgrabungsleiterin Gabriele Rasbach war dabei, als die Archäologen das Fundstück vor rund zwei Wochen in Waldgirmes bei Wetzlar im Schlamm entdeckten. Als sie den Pferdekopf umgedreht hätten, sei ihnen sofort die Bedeutung des Funds bewusst gewesen. "Es wurde auf einmal merkwürdig still", sagt Rasbach am Donnerstag in Frankfurt am Main.
Die Mitarbeiter hätten die prächtigen Medaillons am Zaumzeug des Pferdekopfs betrachtet, es habe sprachlose Freude geherrscht. Sie selbst habe später Zuhause angerufen und eine Flasche Champagner kalt legen lassen.
Das vergoldete Fundstück gehört wohl zu einem Reiterstandbild des Kaisers Augustus, der von 23. v. Chr. bis 14. n. Chr. regiert hat. In dem elf Meter tiefen Brunnen wurde auch ein Schuh des Reiters gefunden. "Der Tag wird allen im Gedächtnis bleiben", sagt die Wissenschaftlerin. Bei den Ausgrabungen in der römischen Stadt Waldgirmes hätten sie seit Jahren bei jeder tieferen Grube auf einen Sensationsfund gehofft. Doch im Laufe der Zeit hätten sie die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben - bis zu jenem 12. August. "Es war ein ganz besonderer Augenblick."
Jetzt liegt der bronzene Pferdekopf auf einem Tisch im Deutschen Archäologischen Institut, umringt von Fotografen und Journalisten: Zum ersten Mal wird der Fund der Öffentlichkeit vorgestellt. Von der Kunstministerin bis zum Bürgermeister der Gemeinde sind alle gekommen, um daran teilzuhaben.
"Diese Bronzeskulptur gehört qualitativ zu den besten Stücken, die jemals auf dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reichs gefunden wurde", sagt Hessens Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU). Es sei ein Fund von europäischer Bedeutung. Das Landesamt für Denkmalpflege stellt für die Restaurierung 150.000 Euro zur Verfügung. Die Arbeiten werden etwa zwei Jahre dauern, anschließend soll der Pferdekopf an einem "zentralen Ort in Hessen" präsentiert werden.
Der Pferdekopf ist toperhalten: Das Zaumzeug ist mit sechs Zierscheiben bestückt, auf der Stirn befindet sich eine Platte mit der Darstellung des Kriegsgottes Mars, an den Seiten sind Siegesgöttinnen angebracht. An einigen Stellen glänzen kleine Goldblättchen. Unter der Skulptur hat sich eine kleine Pfütze gebildet. "Der Pferdekopf wird in Frischhaltefolie feucht gehalten", berichtet die Ausgrabungsleiterin. Sobald der Schlamm trockne, löse sich das Blattgold ab. Das Fundstück sei nur deshalb so gut erhalten, weil es all die Jahre im Wasser gelegen habe.
"Der Pferdekopf ist hervorragend künstlerisch gearbeitet", sagt Kühne-Hörmann. Offenbar sei die Statue im mediterranen Raum entstanden und nach Waldirmes transportiert worden. Dort sei damals eine zivile Stadt errichtet worden: "Wir haben die Reste früher europäischer Geschichte wiederentdeckt." Der Pferdekopf zeuge vom Willen der Römer, rechts des Rheins eine neue Provinz ihres Reichs zu schaffen. "Gleichzeitig steht er für ein Scheitern dieser Pläne", sagt die Ministerin. Offenbar hätten die Germanen nach dem Abzug der Römer den Pferdekopf zerstört und im Brunnen versenkt.
Der Landesarchäologe von Hessen, Egon Schallmayer, stellt das Fundstück in eine Reihe mit dem Keltenfürsten vom Glauberg und der Himmelsscheibe von Nebra. "Der Neufund könnte völlig neue Datierungsansätze bieten", betont der Experte. Mit der römischen Stadt Waldgirmes sei eine fixe Zeitspanne vorgegeben: Seinen Angaben zufolge muss die Reiterstatue zur Zeit der Anlage der zivilen Stadt aufgestellt worden sein, also in den Jahren 4 oder 3 v. Chr. Nach der Niederlage des Varus in der Schlacht im Teutoburger Wald um 9. n. Chr. gaben die Römer die Stadt auf. Der Landesarchäologe lächelt, so eine sensationelle Entdeckung in Waldgirmes an der Lahn: "Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum
