125 Jahre: Der Siegeszug des Telefons
zuletzt aktualisiert: 05.01.2006 - 10:27Berlin (rpo). Als vor 125 Jahren das erste öffentliche Telefonnetz in Berlin installiert wurde, schmunzelte die Hauptstadt-Boheme über den "amerikanischen Humbug". Doch die von Alexander Graham Bell erfundenen Fernsprechapparate traten schnell einen Siegeszug an - von der damaligen Reichshauptstadt aus in den Rest des Landes.
Die Zahl der Teilnehmer stieg rasch. Als erstes Fernsprechverzeichnis der Reichshauptstadt geistert, einem Bericht der "Vossischen Zeitung" von damals folgend, ein so genanntes Buch der 94 Narren, datierend vom 14. Juni 1881, hartnäckig durch die Literatur. Doch hat es so vermutlich nie existiert, wie Jürgen Küster vom Deutschen Postmuseum Frankfurt betont. Das bis heute greifbare "Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten" vom 14. Juli dagegen weist bereits etwa 160 vermeintliche "Narren" auf.
Juden 1940 vom Fernsprechnetz ausgeschlossen
Schon sehr bald wurde das Telefon zum Luxus- und Kultobjekt. Die freundliche Frage "Hallo, hier Amt. Was beliebt?" wurde das Tor zur Welt. Im Jahr 1900 lobt ein fortschrittsbeflissener Autor: "Das Telephon dient allen Klassen eines Kulturvolkes in gleich vorzüglicher Weise." Tatsächlich aber konnten sich einstweilen nur die wenigsten einen eigenen Anschluss leisten. 1940 wurden per NS-Gesetz Juden als Fernsprechteilnehmer ausgeschlossen.
Ein Medium für jedermann wurde das Telefon auch in der Bundesrepublik erst in den 70er und 80er Jahren. Noch 1963 besaß erst jeder siebte West-Haushalt einen eigenen Anschluss; in der DDR lag die Quote noch weit darunter. Bis 1983 stieg der Anteil im Westen bis auf 88 Prozent, im Wendejahr 1989 lag er schließlich bei 97 Prozent. Im Osten warteten da noch 1,3 Millionen Haushalte auf einen Anschluss.
Anrufer erregen Herzflattern
Zu allen Zeiten war der "Fernsprecher" Statussymbol, Synonym für Schnelligkeit und Modernität. Filmstars, Politiker, Musiker: Wer was auf sich hielt, posierte mit dem Hörer in der Hand - wenn möglich noch mit Zigarette, gemäß der Formel: Tempo + Genuss = Erfolg. Was wären die Krimis von Edgar Wallace und Alfred Hitchcock ohne den anonymen Anruf?
Wichtiger noch als die Verbrechensbekämpfung ist jedoch die Liebe. Von Anfang an diente die Telefonleitung auch als heißer Draht zwischen den Geschlechtern. Ein Beispiel: das Tischtelefon in Tanzlokalen und Bars, eine Erfindung des pulsierenden Berlin der 20er Jahre. Früher langte mitunter auch schon die schöne Stimme des "Fräuleins vom Amt", um Männerherzen höher schlagen zu lassen. Heute wählt Mann nicht mehr die "Vermittlung", um mit den Damen anzubandeln - gibt es doch längst direktere Drähte.
Mit dem Siegeszug des Handys hat in nur wenigen Jahren ein Begriff der ersten Stunde eine völlige Bedeutungsumkehr erfahren: "öffentlicher Fernsprecher". Früher handelte es sich dabei um öffentlich zugängliche Kabinen, in denen man, leidlich in seiner Intimität geschützt, über räumliche Distanz hinweg privat sprechen konnte. Heute befinden sich die "öffentlichen Fernsprecher" überall - nur gerade nicht mehr in Telefonzellen. Sie plaudern, meist Belangloses, und enden, meist spät: "Ja, ich ruf gleich wieder an."
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