Krümmel und Brunsbüttel oft betroffen: Statistik: Mehr Defekte in alten AKW
zuletzt aktualisiert: 10.05.2010 - 12:40Mainz (RPO). Ältere Atomkraftwerke melden überdurchschnittlich viele sicherheitsrelevante Defekte. Dies zeige eine neue Statistik des Bundesumweltministeriums für die Jahre 1993 bis 2008. Das geht aus einem "Report Mainz"-Bericht hervor. So nehme die Zahl der "meldepflichtigen Komponenten- und Bauteildefekte" bei einer Reihe deutscher Druckwasserreaktoren seit 1994 deutlich zu.
Den stärksten Anstieg technischer Defekte weise die Statistik für den 1977 in Betrieb gegangenen Druckwasserreaktor Philippsburg II aus: Hier habe es insgesamt 30 Defekte gegeben, davon neun im Jahr 2008, dem letzten Jahr der Statistik, berichtete das Magazin. Einen Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zitierte das Magazin mit den Worten: "Ein beobachteter Trend in den Zahlen ist Anlass für vertiefende Untersuchungen."
Von den noch laufenden 17 deutschen Atomkraftwerken gab es die meisten sicherheitsrelevanten Defekte im Siedewasserreaktor Krümmel, nämlich 82, wie das Magazin berichtet. Brunsbüttel (ebenfalls ein Siedewasserreaktor) kam demnach auf 80 Defekte, die beiden Druckwasserreaktoren Biblis B und A auf 78 beziehungsweise 66. Die vier Reaktoren wurden zwischen 1975 und 1984 in Betrieb genommen.
Die jüngeren Atomkraftwerke Neckarwestheim II sowie Isar II hätten dagegen im gleichen Zeitraum lediglich 20 Defekte gemeldet. Der "Report"-Beitrag sollte am Montagabend um 21.45 Uhr im Ersten gesendet werden. Eine Stellungnahme des Bundesumweltministerium war zunächst nicht zu erhalten.
Reaktor-Konstrukteur nennt Fehlerfrequenz beunruhigend
Die Statistik hatte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) auf Anfrage der Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl (Grüne) erstellen lassen. "Es kann nicht sein, dass nach einem solchen Wissen, wie wir es jetzt haben, diese Anfälligkeit alter Reaktoren, die ja noch von Jahr zu Jahr zunehmen wird, tatsächlich ernsthaft erwogen wird, die Laufzeiten gerade dieser alten Reaktoren zu verlängern. Das ist unverantwortlich", sagte die atompolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion.
Kritisch beurteilte auch der schwedische Reaktor-Konstrukteur Lars Olov Höglund die Statistik: "Irgendwann fangen die Teile an alt zu werden: Verschlissen, verrostet, verbraucht aus verschiedenen Gründen und dann fängt diese Fehlerfrequenz an zu steigen. Alleine die Frequenz ist natürlich beunruhigend", wurde Höglund, früher Vattenfall-Chefkonstrukteur, zitiert. Je mehr Störfälle es gebe, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, "dass sich ein Störfall in einen Unfall oder in einen Super-GAU entwickelt".