Brüssel (RPO). EU-Experten befürchten ein Wiederanschwellen des Heroin-Konsums in Europa. Nach dem stetigen Rückgang der vergangenen zehn Jahre sei in mehreren Ländern wieder "ein Anstieg der Therapie-Anfragen, der Todesfälle und der Heroin-Beschlagnahmungen" zu verzeichnen.
Besorgt zeigte sich der Direktor der EU-Drogenbeobachtungsstelle EBDD, Wolfgang Götz, auch über den Trend zu Drogen-Cocktails aus Alkohol und illegalen Substanzen, gerade bei jungen so genannten Koma-Säufern.
Nach Einschätzung der EBDD sind zwischen 1 Million und 1,5 Millionen Europäer von Heroin oder einem anderen Opioid abhängig. Mehrere europäische Länder meldeten einen Anstieg der Behandlungsnachfragen von Heroin-Süchtigen, heißt es im Jahresbericht der Behörde, der am Donnerstag in Brüssel vorgestellt wurde.
"Jegliche Anzeichen für eine Verschärfung der Situation geben Anlass zu ernsthafter Sorge." In Deutschland stieg die Zahl der Drogentoten 2008 um 3,9 Prozent auf 1.449, wie aus dem im Frühjahr vorgestellten Drogenbericht der Bundesregierung hervorging.
Auch beim Kokainmissbrauch deuteten die Zahlen auf einen "stabilen oder steigenden Trend" hin, sagte EBDD-Direktor Götz. Die bislang vor allem in Westeuropa konsumierte Droge scheine sich allmählich nach Osten auszubreiten.
"Koma-Saufen und Drogenmissbrauch häufig Hand in Hand"
Der EU-Experte warnte, jugendliche Koma-Säufer seien auch für illegale Drogen besonders anfällig. "Koma-Saufen und Drogenmissbrauch gehen häufig Hand in Hand." Laut einem Sonderbericht der EBDD zu diesem Thema ist die Wahrscheinlichkeit, dass starke Trinker zum Joint greifen, mindestens doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Auch Kokainmissbrauch sei in dieser Gruppe weitaus stärker verbreitet.
In Deutschland etwa hätten in einer Studie von 2006 rund 1,5 Prozent der 15- bis 34-Jährigen angegeben, in den zurückliegenden zwölf Monaten wenigstens ein Mal Kokain geschnupft zu haben, heißt es in dem Bericht.
In der Gruppe der jungen Erwachsenen mit hohem Alkoholkonsum, zu denen etwa jeder zehnte zählt, lag die Zahl der Kokain-Nutzer mehr als doppelt so hoch. Das Haschisch-Rauchen ist unter den Vieltrinkern sogar drei Mal so stark verbreitet wie in der gesamten Altersgruppe.
Bereits unter den 15- bis 16-Jährigen kombiniert dem Bericht zufolge jeder 20. Alkohol mit Haschisch. Rund ein Prozent der befragten Jugendlichen in dieser Altersgruppe habe angegeben, zusätzlich harte Drogen wie Ecstasy, Amphetamine, Kokain oder Heroin zu konsumieren.
Drogen-Verkauf im Internet
Eine weitere Gefahr gerade für junge Leute sei das steigende Angebot an synthetischen Drogen, die teilweise als legale Produkte getarnt auf den Markt gebracht würden. Als Beispiel nannte Götz die mittlerweile verbotene Modedroge Spice, die als Kräutermischung angeboten wurde. "Wenn Spice einen Vorgeschmack auf künftige Szenarien gibt, müssen unsere Kontrollsysteme weiterentwickelt werden", sagte der EBDD-Direktor.
Erschwert werde die Überwachung auch dadurch, dass sich das Internet "zu einem Umschlagplatz für psychoaktive Substanzen" entwickelt habe. Im Jahr 2009 entdeckte die EBDD in Europa insgesamt 115 einschlägige Online-Shops, 15 Prozent davon hatten ihren Sitz in Deutschland.
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Quelle: AP/top