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Schüler und Studenten im Bildungsstreik: Hauptsache, es guckt jemand hin

VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 17.06.2009 - 16:21

Düsseldorf (RPO). Zehntausende Schüler und Studenten proben in dieser Woche den Aufstand. Bildungsstreik in Deutschland. Allein in Nordrhein-Westfalen protestierten an diesem Mittwoch 50.000. Ihr Problem: Es gibt niemanden, der gegen Bildung ist. Die bundesweiten Demos haben daher den Anstrich eines fröhlich-anarchischen Blaumachens. Dabei gibt es durchaus berechtigte Anliegen.

NRW 50.000 Schüler gingen allein in NRW auf die Straße, 15.000 davon in Münster, 7000 in Düsseldorf, 3000 in Bonn. Eine der größten Kundgebungen fand mit rund 15.000 Teilnehmern in Berlin statt. 

Deutschland Die Organisatoren haben diesen Mittwoch zum Höhepunkt ihrer Bildungsproteste auserkoren. Sie erwarten insgesamt 150.000 Teilnehmer. 240.000 sollen es am Ende nach den Berechnungen der Veranstalter geworden sein. 20.000 in Berlin, 11.000 in Hamburg, 8000 in Stuttgart und weitere Tausende in rund anderen großen deutschen Städten.

Beliebter Slogan: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!" Sie prangern Missstände im deutschen Bildungssystem an, das sich – so sagen die Kritiker -  vollständig den Anforderungen und Gesetzen des Marktes unterworfen hat.

Die Forderungen Sie fordern mehr Zeit zum Lernen, die Abschaffung des Turbo-Abis, kleinere Klassen, die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems, die soziale Öffnung der Hochschulen und die Abschaffung der Bachelor- und Master-Studiengänge in ihrer jetzigen Form. Vor allem linksorientierte Parteien und Verbände unterstützen die Bildungsstreiks, die Konservativen halten sich zurück.

Genervt: "Bei uns in der Schule fällt nicht nur außen der Putz ab, sondern auch in den Klassenräumen", erzählt die Berliner Gymnasiastin Anja Praun. Aber nicht nur das Lernumfeld sei miserabel, auch die um ein Jahr verkürzte Schulzeit nerve. "Bei uns gibt es fast nur Frontalunterricht, sonst können die Lehrer ihren Stoff gar nicht mehr durchziehen", klagt sie. Zeit für Diskussionen bleibe da nicht mehr viel übrig. Selbstständiges Denken werde so wohl kaum gefördert.

Am Pranger Neben den Kultusministern der Länder steht Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Pranger. Sie hat es nicht leicht, ist mehr und bessere Bildung doch ein Ziel, das jeder gerne unterschreibt. Neben Familie und Umwelt stellt sie das politische Thema, das jede Partei gerne für sich in Anspruch nehmen möchte.

"Gestrige Forderungen" Dennoch wagt Schavan vorsichtige Kritik an den Forderungen. "Die Proteste sind, was die Ziele angeht, zum Teil gestrig", sagte die Ministerin im Deutschlandfunk. Wer fordere, die Bachelor- und Masterstudiengänge wieder abzuschaffen, "der nimmt nicht zur Kenntnis, dass Deutschland Teil des europäischen Bildungsraumes ist". Der Reformprozess sei alternativlos. Basta. In der gegenwärtigen Umsetzung räumte Schavan allerdings noch Probleme ein.

Die Probleme Der Handlungsbedarf ist groß. Untersuchungen zufolge fehlen bundesweit rund 30.000 Lehrer. Rund zehntausend Klassen zählen mehr als 30 Schüler. 18 Prozent der Migrantenkinder machen keinen Schulabschluss. Auch an den Hochschulen und Universitäten ist die Situation schlecht: Professoren müssen Hunderte von Studenten betreuen.

Unterschlagen Die Schüler- und Studenten-Demonstranten strapazieren im Streit um mehr Gelder ein in Krisenzeiten oft und gerne genutztes Argument: Für die Rettung von Banken habe der Staat  Milliarden übrig, warum dann nicht auch für die Bildung? Dass sich Bund und Länder erst vor wenigen Tagen zu 18 Milliarden Euro zusätzlichen Ausgaben für Bildung und Forschung verpflichtet haben, bleibt dabei außen vor.

Es geht um Aufmerksamkeit Dass im Bildungssektor einiges im Argen liegt, wird von keinem Experten bestritten. Uneinigkeit herrscht über die Bekämpfung der Misere. Stattdessen setzen Studenten und Schüler auf Aufmerksamkeit. Sie ist das Aushängeschild der Schüler- und Studenten geworden, seitdem sie in den 90er Jahren zum ersten Mal mit originellen und witzigem Protest zu Medienlieblingen aufgestiegen waren. Der Spaß-Protest fand den Weg auf die Titelseiten.

Banküberfall am Donnerstag An diesem Mittwoch ist wieder ein vergleichbar bunter Mix auf den Straßen unterwegs. Strichcodebalken-Gesichter, Affenmasken, Studentinnen in Reizwäsche mit dem Slogan „Mein Zuhälter zahlt mir die Studiengebühren“. Für den kommenden Donnerstag ist das Motto "ziviler Ungehorsam" ausgerufen. Symbolisch wollen Protestierende Banken überfallen.

Landtag gestürmt Teilweise laufen die Proteste auch aus dem Ruder. In Mainz stürmen und verwüsten Demonstranten gar den rheinland-pfälzischen Landtag. In Bielefeld wird der Straßenverkehr durch eine Blockade des Straßenbahndepots lahmgelegt. In Berlin räumte die Polizei das besetzte Präsidium der Freien Universität.

Die Aussichten Das Ziele Aufmerksamkeit haben die Demonstranten somit erreicht. Die von tiefen ideologischen Grabenkämpfen geprägte Auseinandersetzung  über die richtigen Auswege aus der deutschen Bildungsmisere wird anschließend weitergehen.

mit Agenturmaterial


 
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