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Vor dem Weltklimagipfel: Ein Sonnenschirm für die Erde

zuletzt aktualisiert: 03.12.2009 - 08:10

Frankfurt/Main (RPO). Gewaltige "Sonnenschirme" im All, die Verdunkelung der Erde durch künstliche Vulkanausbrüche oder die Düngung der Ozeane zur Vermehrung von Algen: Das Nachdenken über großtechnische Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel hat Konjunktur. Noch vor wenigen Jahren sei das sogenannte Geo- oder Climate-Engineering ein Randthema der Wissenschaft gewesen, sagt der Heidelberger Umweltphysiker Thomas Leisner: "Heute reden alle darüber."

Grund ist nach seinen Worten unter anderem die schwindende Hoffnung, dass es der Menschheit noch gelingen könnte, mit einer CO2-Reduzierung den Temperaturanstieg auf der Erde zu begrenzen. Die Risiken und Nebenwirkungen der "Arzneien für das Klima" aber sind nicht überschaubar.

Schwefel in die Stratosphäre

Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen belebte die Diskussion vor drei Jahren mit einem schon älteren Vorschlag, der derzeit als ernsthafteste Möglichkeit eines "Herumklempnerns am Klima" gilt: Danach sollen Millionen Tonnen Schwefeldioxid in die oberere Atmosphäre gebracht werden, das dort nach chemischen Reaktionen Wolken bildet, welche das einfallende Sonnenlicht teilweise zurückwerfen. Im Prinzip klappt das: Nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen 1991 kühlte sich die Erdoberfläche ab.

Das SO2 könnte mit Ballons oder per Schiffsartillerie in die Stratosphäre gebracht werden. Die Methode sei relativ billig und der "Sonnenschirm" aus Schwefel wäre relativ stabil, sagt Professor Leisner, der an einem Forschungsprojekt der Universität Heidelberg zum Geo-Engineering führend beteiligt ist. Doch die Gefahren sind nach seiner Einschätzung groß: Das CO2 bleibe in der Atmosphäre und "kann seine nichtklimatischen Wirkungen wie die Versauerung der Ozeane munter weiter betreiben", warnt Leisner.

Zudem dürfte das Wettergeschehen auf der Erde umgekrempelt werden, weil die Erwärmung nur dort gebremst wird, wo es hell ist, vor allem also je nach Jahreszeit nördlich oder südlich des Äquators. "Das System wird in einen neuen Gleichgewichtszustand getrieben", erläutert Leisner: "Tiefdruckgebiete ziehen in anderen Bahnen, der Monsun verändert sich, die Passatwinde nehmen eine andere Richtung." Schon nach dem Pinatubo-Ausbruch wurden Verschiebungen der Niederschlagszonen beobachtet.

Wolken künstlich aufhellen

Weit oben in der Gunst der Geo-Engineering-Befürworter steht auch die Idee, über den südlichen Ozeanen in großen Mengen Meerwassertröpfchen verdunsten zu lassen. Die Salzkristalle als zusätzliche Kondensationskeime sollen dazu führen, dass sich die Zahl der Wassertröpfchen in den Wolken erhöht, was diese wiederum aufhellt. Versprüht werden könnte das Wasser von Schiffen mit skurril anmutenden, windgetriebenen Rotoren.

Allerdings müsste man jedes Jahr 1.000 solcher Schiffe vom Stapel lassen, um die Erderwärmung zu bekämpfen. Das Prinzip sei zwar einfach, aber die technische Durchführbarkeit nicht geklärt, sagt Leisner, der selbst diesen Vorschlag auf seine Machbarkeit hin abgeklopft hat: "Es ergeben sich immense technische Probleme."

Erde auf andere Umlaufbahn bringen

Immer weniger Anhänger findet der Vorschlag, das Algenwachstum in den Ozeanen mit Eisendüngung anzukurbeln. Die Pflanzen binden CO2 und sinken nach ihrem Absterben auf den Meeresboden - in der Theorie. Zuletzt sorgte ein Experiment des deutschen Forschungsschiffs "Polarstern" in antarktischen Gewässern für Ernüchterung. Es zeigte: Im Südozean funktioniert das nicht wie erhofft.

Neben solchen ernsthaft erwogenen Geo-Engineering-Methoden gibt es eine Fülle fantasievoller Vorschläge, wie die Erde mit High-Tech vor dem Klimakollaps zu retten sei: Millionen kleiner Sonnensegel aus Silizium, die mit Spezialkanonen ins All geschossen werden, schatten die Erde ab. Der US-Forscher Klaus Lackner bastelt an künstlichen Bäumen, die CO2 aus der Luft filtern sollen. Und könnte man nicht einfach die Erde auf eine etwas entfernte - und damit kältere - Bahn um die Sonne lenken?

"Wie der Scheinriese bei 'Jim Knopf'"

Kritiker wenden ein: Allein die Diskussion über Geo-Engineering könne als Ausrede für Nichtstun bei den Bemühungen zur Reduzierung der Treibhausgase gelten. Aber Forscher wie der Harvard-Professor Dan Schrag geben zu Bedenken, dass erst die wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Modellen, die als eine Art Notnagel für die Menschheit angesehen würden, ihre Schwächen und eventuell ihre Undurchführbarkeit aufzeigten.

Leisner, der dem Geo-Engineering skeptisch gegenübersteht, kann das nur bestätigen: "Mein Eindruck ist, dass viele dieser Dinge einfach widerlegt werden können", sagt der Professor, der auch am Karlsruher Institut für Technologie forscht. "Bei den meisten Vorschlägen gibt es den gleichen Effekt wie beim Scheinriesen in Michael Endes Kinderbuch 'Jim Knopf': Je näher man kommt, desto mehr schrumpfen sie zusammen."

Quelle: AP/top

 
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