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Klimawandel: Es stürmt immer mehr

VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 01.04.2008 - 17:47

Düsseldorf (RPO). Der Klimawandel macht sich immer stärker bemerkbar: Seit den 70er Jahren ist die Zahl der Naturkatastrophen und vor allem die Zahl der Stürme in Deutschland gestiegen - und mit ihnen die Summe der Gesamtschäden.

Als vergangene Woche in der Antarktis ein großes Stück des Wilkins-Eisschelfs zerbrach, schien der Klimawandel tatsächlich angekommen zu sein. Weit weg am Südpol. Doch die globale Erwärmung kündigt sich nicht mit einer einzigen Naturkatastrophe an. Sie kommt schleichend und lässt einem die Chance, sich daran zu gewöhnen - und sie damit zu unterschätzen. Denn auch in Deutschland hat der Klimawandel längst seine Spuren hinterlassen. Die Zahl der Naturkatastrophen, vor allem die der Stürme, hat sich seit den 70ern mit 268 Ereignissen mehr als verdoppelt - bezogen auf jeweils eine Dekade.

Tragische Todesfälle

Die Zahl der Gesamtschäden hat sich im selben Zeitraum nahezu verdreifacht. Auf mehr als 32 Milliarden Euro. Das sagt die Statistik der Münchner Rück, die Versicherungen gegen solche Klimaschäden absichert-und die schon frühzeitig angefangen hat, die Warnungen vor der globalen Erwärmung ernst zu nehmen. Weit tragischer noch als die Schäden ist dabei die Zahl der Toten: Seit 1970 haben Stürme und Hagelschauer 909 Opfer gefordert. Würde man die Hitzewelle 2003 ebenfalls unter Klima-Katastrophen führen, wären es sogar 9909 Tote.

Auch der größte Schweizer Rückversicherer, SwissRe, sieht die Risiken der globalen Erwärmung. Zusammen mit der Eidgenössischen Hochschule Zürich wurden Klima- und Schadensmodelle miteinander verknüpft. Und unabhängig vom gewählten Szenario ergab sich ein Trend. Bis 2085 werden die Sturmschäden pro Jahr um 16 bis 68 Prozent steigen. Und für Deutschland sei mit „dreimal größeren Auswirkungen zu rechnen als im europäischen Durchschnitt“, heißt es weiter in der Studie. Bis 2085 werden sich hier die Sturmschäden pro Jahr mehr als verdoppeln. Und besonders schwere Jahrhundert-Orkane werden ihre Sonderstellung verlieren, weil sie alle paar Jahrzehnte auftreten werden. Denn die Bundesrepublik ist groß, und die Zug-Bahn der Stürme werde sich dorthin verschieben.

Der Grund dafür ist die globale Erwärmung. Sie feuert die Stürme an. Normalerweise entstehen sie, weil die Sonne am Äquator immer senkrecht scheint und dort die Luftmassen erwärmt - unabhängig von der Jahreszeit auf etwa 25 Grad. Auf der Nordhalbkugel treffen die Sonnenstrahlen dagegen schräg auf und können die Luft nicht so erwärmen wie am Äquator. Die Luft im Norden ist darum kühler als die aus dem Süden. Im Sommer sind die Temperaturunterschiede zwar gering. Im Winter dagegen treffen 25Grad warme, feuchte subtropische Luftmassen auf minus40 Grad kalte, trockene Polarluft. Vor allem entlang der Polarfront am 45.Breitengrad.

Weil die warme Luft sich dort ausdehnt, wird sie leichter und steigt nach oben. Dadurch ist nahe der Meeresoberfläche weniger Luft vorhanden, und ein Tiefdruck-Gebiet entsteht. Gleichzeitig sinkt schwerere, kalte Luft und strömt in eben dieses Tief. Umso schneller, je größer die Tiefdruckgebiete. Um so stärker, je Temperaturunterschiede sind - zu denen nun noch Druckgefälle kommen.

Winde auf direkter Linie

Damit daraus nun ein Orkantief wird, reicht bereits ein kleiner Anstoß aus. Ein Gewitter beispielsweise oder ein starker Westwind. Denn das wirbelt das labile System aus Hoch- und Tiefdrucksystemen kräftig durcheinander. Warme, feuchte Luft aus den Tropen strömt immer stärker nach Norden in Richtung der kalten, trockenen Luft. Kalte Luft dagegen drängt heftiger nach Süden. Im Extremfall erreichen Sturmböen über 500 Kilometer pro Stunde. Aufgrund der Erdrotation strömen diese Winde allerdings nicht in einer direkten Linie, sondern nur in gewaltigen Wirbeln: Der Luftstrom fließt im Uhrzeigersinn aus Hochdruckgebieten heraus und gegen den Uhrzeigersinn in Tiefdruckgebiete hinein.

Mit diesen großräumigen Wirbeln aber kann ein solches Orkantief dann auch das Festland erreichen. Dort verliert er zwar relativ schnell an Energie, weil die Reibung am Boden - anders als über dem Meer - den Winden die Energie entzieht. Doch der Orkan hat noch genug Kraft, um gewaltige Zerstörungen zu verursachen. Und auf seinem desaströsen Zug über Deutschland begleiten ihn in der Regel schwere Regenfälle und Hagelschauer, die zusätzliche Schäden verursachen.

Motor wird erneut angeheizt

Doch auch wenn der Sturm normalerweise an Fahrt verliert: Nachströmende warme Luft kann den Motor erneut „anheizen“. Bisweilen kann es sogar auch zu einer Serie von Stürmen kommen, die kurz hintereinander aufs Festland jagen. Dem Orkan Daria am 25. Januar 1990 folgten bis zum 1.März die Stürme Herta, Judith, Nana, Ottilie, Polly, Vivian und Wiebke.

Solche Serien könnten in Zukunft noch häufiger auftreten. Denn die typischen Kältehochs über Osteuropa und Russland, die bisher aus dem Atlantik vordringende Tiefdrucksysteme abblockten und dem Orkan so die Energie nahmen, werden seltener - aufgrund der globalen Erwärmung. Und die lässt gleichzeitig Winterstürme stärker werden - und häufiger. Der zeitliche Abstand zwischen schweren Sturmschadenereignissen in Europa betrug zuletzt weniger als zehn Jahre - und die verheerendsten Winterstürme ereigneten sich zwischen 1990 und 2007.

Für die Schäden, die sie verursachten, zahlen alle: über steigende Versicherungsprämien oder über Steuern, damit zerstörte Straßen und Brücken wieder aufgebaut werden können.


 
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