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Der Siemens-Forschungschef im Gespräch: Klimaschutz bedeutet auch wirtschaftlichen Erfolg

VON LUDWIG JOVANOVIC FÜHRTE DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 17.12.2009 - 18:45

Düsseldorf (RP). Dr. Reinhold Achatz ist Forschungschef bei Siemens. Im Interview mit unserer Redaktion plädiert er für mehr Nachhaltigkeit und sieht darin auch eine Chance für mehr Arbeitsplätze in Deutschland. Mittlerweile macht der Siemens-Konzern fast ein Drittel seines Umsatzes mit Umwelttechnologien.

Dr. Reinhold Achatz sieht viele Chancen im Klimaschutz.  Foto: Siemens
Dr. Reinhold Achatz sieht viele Chancen im Klimaschutz. Foto: Siemens

Herr Achatz, derzeit verhandeln in Kopenhagen Vertreter von 192 Nationen über den Klimaschutz. Was bedeutet Klimaschutz für Sie?

Achatz: Klimaschutz hat sehr viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Und das heißt, nicht mehr von der Erde zu nehmen, als man zurückgeben kann. Derzeit verbrauchen wir innerhalb weniger Jahrzehnte Öl-, Kohle- und Gas-Reserven, die sich in Jahrmillionen aufgebaut haben. Und bis 2020 wird die Weltbevölkerung um 1,1 Milliarden Menschen auf dann 7,5 Milliarden gestiegen sein. Damit wächst zwangsläufig der Bedarf an Energie. Wir müssen darum mehr Energie CO2-arm erzeugen – etwa mit Wind und Sonne – und effizienter werden. Sowohl beim Energieverbrauch als auch beim Einsatz von Rohstoffen.

Sie plädieren also für mehr Recycling?

Achatz: Recycling ist ein immens starkes Thema. Wir reagieren darauf, indem wir schon beim Design neuer Produkte die Wiederverwendbarkeit berücksichtigen. Wir bauen beispielsweise eine Straßenbahn wie die Osloer Metro bereits so, dass fast 95 Prozent der eingesetzten Materialien recycelt werden können. Aber auch der gesamte Produktionsprozess muss so organisiert sein, dass der Rohstoffeinsatz und der Energieverbrauch so gering wie möglich ausfallen.

Das stellt Sie vor zusätzliche Herausforderungen...

Achatz: Wenn man die Herausforderungen positiv angeht, kann man zu einem Pionier werden, der Technologien vorantreibt. Aus dieser innovativen Kraft folgt wirtschaftlicher Erfolg und damit wieder Arbeitsplätze.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Achatz: In Dänemark, einem Vorreiter bei Windkraft, hatten wir 2004 bei der Übernahme des Windanlagenbauers Bonus Energy rund 800 Beschäftigte, heute sind es weltweit 5500 und der Umsatz hat sich verzehnfacht. Umwelttechnologien machen mittlerweile etwa 30 Prozent unseres gesamten Umsatzes bei Siemens aus. Das waren dieses Jahr 23 Milliarden Euro - eine Steigerung um elf Prozent gegenüber 2008.

Also verbinden Sie mit Erneuerbaren Energien wirtschaftlichen Erfolg.

Achatz: Ja, allerdings hat regenerative Energieerzeugung weltweit bisher erst einen relativen kleinen Anteil. Nimmt man Wasserkraft heraus, lag er 2008 bei nur drei Prozent des weltweiten Stromverbrauchs. Bis 2030 kann der Anteil auf 17 Prozent steigen. Das ist ein enormer Zuwachs, doch damit alleine kann man das Klima nicht schützen.

Und das heißt für Sie?

Achatz: Wir müssen auch die Effizienz der klassischen Technologien steigern. Ein gutes Beispiel ist das Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk, das am Eon-Standort Irsching von uns gebaut wird. Mit Erdgas treiben wir zunächst eine Gasturbine an. Aus den heißen Abgasen erzeugen wir zusätzlich Wasserdampf, mit dem wir dann eine Dampfturbine antreiben. Der gesamte Wirkungsgrad wird bei 60 Prozent liegen. Das heißt, 60 Prozent der verfügbaren Energie wird tatsächlich in Strom umgesetzt. Das ist Weltrekord. Der weltweite Durchschnitt bei der Stromerzeugung liegt nur knapp über 30 Prozent – das Kraftwerk in Irsching ist also doppelt so effizient.

Dennoch erzeugen Kohle- und Gaskraftwerke weiterhin CO2. Was damit tun?

Achatz: Zum Effizienz-Gedanken gehört auch, sich zu überlegen, was man mit dem CO2 macht. Man kann es aus den Kraftwerksgasen abtrennen und dann weiterverwenden. Beispielsweise für die Photosynthese von Algen oder Pflanzen – was Biomasse erzeugt, die man wieder nutzen kann. Doch letztlich muss es vor allem darum gehen, den ganzen Weg der Energie effizienter zu machen. Dazu zählen auch intelligente Netze. Mit intelligenten Stromzählern kann ein Endverbraucher Strom beispielsweise dann beziehen, wenn viel davon verfügbar ist und er darum billig ist. Das spart Geld und es entlastet die Stromnetze. Gerade das wird mit dem zunehmenden Einsatz regenerativer Energien immer wichtiger.

Sauberer Strom aus Windkraft und Sonne reichen also noch nicht?

Achatz: Energie aus Wind und Sonne sind für eine Woche planbar. Weiter reicht eine Voraussage nicht. Man weiß also nicht über Monate, wie viel Energie da erzeugt wird – und auch über den Tag hinweg schwankt die Stromerzeugung teilweise extrem. Darum sollte man versuchen, den Verbrauch an das verfügbare Stromangebot aus konventionellen und alternativen Energieformen anzupassen. Genau hier hilft ein intelligentes Stromnetz, ein Smart Grid, zu dem Infrastruktur für dezentrale Stromverteilung gehört oder auch intelligente Stromzähler. Daneben benötigen wir aber auch Möglichkeiten, Strom in „Puffern” zu speichern, um die Fluktuationen aufzufangen.

Da haben Sie eine Idee?

Achatz: Ja, Elektroautos. In den meisten Fällen steht ein Auto mehr als 23 Stunden pro Tag auf Parkplätzen oder in Garagen. In dieser Zeit kann ein Elektrofahrzeug Strom aus dem Netz beziehen, wenn viel verfügbar ist. Oder das Auto gibt Strom zurück ans Netz, wenn der Bedarf da ist. Das kann für den Autofahrer lukrativ sein und gleichzeitig das Stromnetz stabilisieren. In Dänemark testen wir das gerade in einem Projekt mit Partnern.

Damit machen Sie die Städte sauberer.

Achatz: Und gerade dort wird der Kampf gegen den Klimawandel entschieden. Bis 2025 wird es 27 Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern geben. Städte sind heute für 80 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Nehmen Sie nur die Gebäude. In ihnen steckt das größte Potenzial, Energie sparsamer und effizienter einzusetzen. Um etwa 30 Prozent ließen sich durch Optimierung hier die CO2-Emissionen senken. Zudem könnte man viele Millionen Tonnen CO2 einsparen, wenn man auf energiesparende Beleuchtung – wie etwa Leuchtdioden oder Energiesparlampen – setzen würde.


 
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