Särge zerstört - Schatz verschwunden: Der archäologische "Super-Gau"
zuletzt aktualisiert: 28.08.2003 - 15:17Weilerswist (rpo). Nach dem anfänglichen Jubel über den sensationellen Fund der Archäologen im rheinischen Weilerswist stehen sie nun mit leeren Händen da. Drei gerade erst entdeckte Steinsarkophage wurden aufgebrochen und die Kostbarkeiten wurden geraubt.
Weil die Fundstelle tagelang unbewacht war, wirft das Kulturministerium in Düsseldorf der Gemeinde und dem Landschaftsverband Rheinland ein "völlig unprofessionelles Verhalten" vor.
Den Wert der geraubten Grabbeigaben schätzt das Kulturministerium auf mehrere hunderttausend Euro. "Das ist ein unheimlich großer Rückschlag für die Forschung", klagte Referatsleiter Heinz Günter Horn.
Seit der kulturellen Blütezeit um 200 nach Christus ruhte die Gattin eines römischen Offiziers ungestört in ihrem Sandsteinsarkophag im Boden des heutigen Weilerswist. Als sich die Gemeinde kürzlich entschloss, die noch unerforschte Fläche als Bauland auszuweisen, wurden Grabungen angeordnet.
Schließlich hatte es hier einen antiken Gutshof gegeben, bedeutende Funde wurden vermutet. Und tatsächlich: Bei Grabungen stießen die Forscher auf drei massive und ungewöhnlich prächtig verzierte Steinsarkophage. "Nach dem Krieg gab es in Deutschland höchstens zwei solch bedeutende Funde", schwärmt der Experte Horn.
Als Archäologen die zwei Tonnen schweren Särge am Dienstag bergen wollten, machten sie die erschreckende Entdeckung: Die Deckel der tonnenschweren Särge waren zertrümmert, in ihrem Innern fanden sich nur noch die entkleideten Skelette und Schlamm.
Das Kulturministerium vermutet professionelle Täter hinter dem Raub: "Es gibt viele, die es auf antike Schätze abgesehen haben", sagte Horn. Manche gingen sogar mit Kleinbus, Notstrom-Aggregaten und Metalldetektoren auf Raubzüge. So viel Technik war bei diesem Raub vermutlich gar nicht nötig: "Die brauchten eigentlich nur eine Eisenstange zum Stochern, eine Schaufel und einen Vorschlaghammer."
"Man hätte eigentlich auf den Särgen schlafen müssen"
Für Horn ist es absolut sicher, dass man den Toten wertvolle Grabbeigaben in die Särge gelegt hat: "So entsprach es dem antiken Totenkult." Bei reichen Römern sei es üblich gewesen, die Toten für ihr Leben im Jenseits aufwendig auszurüsten. Typische Grabbeigaben bei Frauen seien Diademe und Parfümfläschchen. Der materielle Wert dieser Gegenstände gehe in die Hunderttausende. "Außerdem können Wissenschaftler von ihnen auf ein komplettes Gesellschaftsbild schließen", meinte Horn. Doch diese Schätze sind nun verloren.
Das Kulturministerium befürchtet, dass die Grabbeigaben nun unter falscher Auszeichnung und einzeln in den Kunsthandel gelangen. "Dass ist besonders schlimm, weil die Gegenstände nur im Ensemble über das Leben ihrer einstigen Besitzer Auskunft geben können", sagte Horn. Die Nachfrage nach Schätzen aus der Region sei groß, seit in den Mittelmeer-Ländern strikte Ausfuhrverbote für antike Gegenstände erlassen worden seien.
Den Forschern wirft Horn vor, einen folgenschweren Fehler begangen zu haben: "Sie hätten den Fund geheim halten und die Schätze schnell bergen müssen." Der Landschaftsverband Rheinland zeigt sich reumütig: "Ich befürchte, dass wir dem Schwarzen Peter haben", sagte Sprecher Achim Hermes. "Die Bewachung wäre wohl unsere Aufgabe gewesen."
Stattdessen bekamen die lokalen Medien von der Sache Wind - und damit auch die Grabräuber. Dass die Schätze trotz der Warnungen nur locker zugeschüttet wurden, macht Horn fassungslos: "Wenn ich als Archäologe einmal im Leben einen solchen Fund mache, dann müsste ich eigentlich nachts auf den Särgen schlafen, damit ihnen nichts passiert."
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