Sushi-Trend lässt Bestände schwinden: "Der Thunfisch bleibt ein ewiges Rätsel"
VON YURI KAGEYAMA - zuletzt aktualisiert: 03.01.2010 - 11:22Kumano (RPO). Tausende Thunfische flitzen fett und glitzernd in einem Netzgehege umher und schlagen sich die Bäuche voll, bis sie doppelt so schwer sind wie in freier Wildbahn. Thunfisch von der Thunfischfarm - sieht so die Sushi-Zukunft aus?
Der weltweite Trend zu den rohen Fischhäppchen erschöpft die Bestände in den Weltmeeren. Doch allmählich scheinen langjährige Bemühungen Früchte zu tragen, Thunfisch vom Ei bis zur Schlachtreife zu züchten. Die Probleme dabei sind groß, ebenso aber auch der mögliche Profit.
Eine australische Firma will demnächst erste kleine Mengen an Südlichem Blauflossen-Thun aus ihrer Fischfarm auf den Markt bringen. Ein japanisches Unternehmen, das den teureren Nordpazifischen Blauflossen-Thun züchtet, will 2013 mit dem Verkauf beginnen und bis 2015 jährlich 10.000 Fische liefern.
Ob Thunfischfarmen in großem Maßstab machbar werden, ist offen. Die Fische sind viel schwieriger aufzuziehen als Lachs oder Shrimps. Sie sind groß und brauchen Platz zum Schwimmen. Sie laichen nur unter bestimmten Bedingungen. Bei manchen Versuchen haben weniger als ein Prozent der Jungfische überlebt. Und die übrigen fressen dermaßen viel, dass sie andere Fischarten auslöschen können.
Fangquote reduziert
Die meisten Thunfische, die heute aus der Zucht kommen, wurden nicht aus Eiern aufgezogen, sondern im offenen Meer gefangen und dann in Farmen gemästet - was den gefährdeten natürlichen Beständen nicht viel nützt. Der in Atlantik und Mittelmeer vorkommende Nordatlantische oder auch Rote Thun schwindet so rapide, dass Monaco ihn auf einer internationalen Konferenz im März in Katar auf die Liste der gefährdeten Arten setzen lassen will. Die Internationale Kommission für den Schutz des Thunfischs im Atlantik und im Mittelmeer (ICCAT) hat kürzlich die Fangquote für nächstes Jahr um rund ein Drittel auf 12.250 Tonnen herabgesetzt - was laut Naturschützern bei weitem nicht reicht.
Die Japaner verspeisen 80 Prozent des Atlantischen und Pazifischen Blauflossenthuns, der beiden für Sushi besonders begehrten Arten. Man nennt sie "hon-maguro", was in etwa "wahrer Thun" bedeutet. Kein Wunder also, dass die größte japanische Firma für Meeresfrüchte, Maruha Nichiro Holdings, ganz heiß auf Thun ist. Maruha betreibt mehrere Thunfischfarmen wie beispielsweise in Kumano: In einer kleinen Bucht werden die Fische hier in zumeist 50 mal 80 Meter großen Netzgehegen gehalten. "Jahrelang hat man angenommen, dass es unmöglich ist, Thunfische in Farmen zu züchten", erklärt der Manager Takashi Kusano, der seit 20 Jahren daran arbeitet. "Der Thunfisch bleibt ein ewiges Rätsel."
Ungebremst ins Netz
Bei 28 Millionen Eiern des Pazifischen Blauflossen-Thuns betrug bei Versuchen in Maruhas Fischfarmen die Überlebensrate nur 0,4 Prozent. Die japanische Kinki-Universität schaffte sechs Prozent. Das klingt nicht viel, doch schließlich produziert ein Thun Abermillionen Eier, und die Raten bessern sich. "Ich musste das Rätsel lösen, warum unsere Fische immer wegstarben", erinnert sich Kusano.
Anders als andere Fische, die Sauerstoff besser durch das Maul aufnehmen können, müssen die bis zu 80 Stundenkilometer schnellen Thunfische immer in Bewegung bleiben, damit die Kiemenatmung funktioniert. Jungfische, die noch nicht richtig steuern und bremsen können, rennen sich häufig an den Sperrnetzen zu Tode. Ihre Ernährungsgewohnheiten und Krankheiten kennenzulernen, habe Jahre gebraucht, berichtet Kusano. Dabei stellte sich auch heraus, dass Thunfische erstaunlich stressempfindlich sind.
Eine Handvoll von Maruhas Thunfischen soll nächstes Jahr laichen, womit ein ganzer Lebenszyklus abgeschlossen wäre. Die Kinki-Universität brachte es dieses Jahr schon auf 40.000 Jungfische aus Eiern von Zuchtfischen.
Vegetarisches Futter statt kleiner Fische
Auch wenn diese Hürde genommen ist, bleibt noch das Problem ihres unersättlichen Appetits. "Blauflossen-Thunfische sind wie Löwen oder Tiger. Sie stehen in der Nahrungskette ganz, ganz oben. Und sie fressen andere Fische. Also fängt man wildlebende Fische, um Blauflossen-Thune zu bekommen", erklärt Mike Hirshfield, wissenschaftlicher Leiter der Meeresschutzorganisation Oceana. "Sardellen, Sardinen und Heringe sind schon bis zum Äußersten befischt." Das werfe die moralische Frage auf, dass Thunfisch mit relativ billigen Fischen gefüttert werde, die eigentlich die Menschen in Entwicklungsländern für ihre Ernährung bräuchten.
Als Antwort darauf hat Maruha Thunfischfutter entwickelt, bestehend aus Fischmehl mit Ölen und Nährstoffen. Ihr Futter sei weniger umweltbelastend, mäste die Thunfische drei mal schneller, bestehe nur aus Fischen, die nicht zum menschlichen Genuss taugten, und könne bei Raumtemperatur gelagert werden, erklärt die Firma. Irgendwann will sie auch vegetarisches Thunfischfutter entwickeln. Hirshfield hält pflanzliches Futter, wie es bei Lachs oder Forelle eingesetzt wird, für die einzige Lösung.
Nachteil in Geschmack und Farbe
Im Januar brachte ein 200 Kilo schwerer Pazifischer Blauflossen-Thun auf einem japanischen Fischmarkt den Rekordpreis von 20,2 Millionen Yen (gut 150.000 Euro). 40 Kilo schwere Tiere von Maruhas Farm kosten rund 100.000 Yen (750 Euro). Der Nachteil von Zucht-Thunfisch sei, dass er "nicht nach Fisch schmeckt und von fast weißer Farbe ist", erklärt Kazuo Sato, der seit über 30 Jahren einen Sushi-Laden führt. Doch er räumt ein: "Wir können heutzutage nicht mehr nur auf natürlichen Thunfisch bauen, und Zucht-Thun wird schon noch besser werden."
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