UN-Naturschutzkonferenz: Der Urwald ist noch zu retten
VON KLAUS PETER KÜHN - zuletzt aktualisiert: 28.05.2008 - 21:13Bonn (RP). Tag für Tag sterben weltweit 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Die meisten Arten gehen namenlos und unerkannt in einer Regenwaldregion zugrunde, die abgeholzt oder niedergebrannt wird. Denn die Vielfalt der Natur ist sehr ungleich verteilt, die nährstoffarmen Böden der tropischen Wälder bringen besonders viele Arten hervor, die das knappe Angebot "vor Ort" optimal verwerten.
Die in Bonn seit anderthalb Wochen tagende UN-Naturschutzkonferenz hat deshalb neben den von Überfischung und Verschmutzung bedrohten Meeresregionen vor allem die Regenwälder im Visier. Bundeskanzlerin Angela Merkel gab gestern mit einer millionenschweren Zusage für mehr Schutzgebiete dem Endspurt des Treffens einen kräftigen Impuls. Sie kündigte an, dass Deutschland in den kommenden vier Jahren insgesamt eine halbe Milliarde Euro zusätzlich für Schutzgebiete bereitstellt.
Mit den bereits zugesagten 810 Millionen Euro summiert sich dies bis 2013 auf mehr als 1,3 Milliarden Euro. Von 2013 an will Deutschland Schutzgebiete sogar pro Jahr mit einer halben Milliarde Euro fördern. Die Bundesregierung erreicht damit zwar nicht das Niveau des Öl- und Gasförder-Staates Norwegen, der jährlich eine halbe Milliarde Euro für Schutzgebiete in aller Welt ausgibt. Berlin setzt mit seiner Ankündigung aber eine Reihe zögerlicher Regierungen unter Zugzwang.
Wie am Rande der Konferenz zu hören ist, will Großbritannien bislang nur eine einstellige Millionensumme anbieten. Auch Italien gebe sich zurückhaltend, heißt es. Die in Aussicht gestellten Gelder dürften das Interesse an einer in Bonn präsentierten Erfindung steigern einem Netz von freiwillig unter Schutz gestellten Gebieten, in denen Arten überleben können (Life-Web-Initiative). Wie der Konferenz-Präsident, Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), gestern sichtlich zufrieden mitteilte, hat Kongo soeben als 26. Staat eine Waldfläche (15 Millionen Hektar) beim „Life Web” angemeldet.
Der Schutz von Flächen bedeutet den Verzicht auf Einnahmen für die dort lebenden Menschen, weil sie eben nicht roden und das Holz verkaufen können und anschließend gut verkäufliche Feldfrüchte wie Soja (Futter für Stallvieh in aller Welt) anbauen. Die Aussicht auf finanziellen Ausgleich gehört zum Schutzkonzept.
Die Einbußen durch den Verzicht auf intensive landwirtschaftliche Nutzung lassen sich nur zum Teil durch Zahlungen wie jene aus Deutschland kompensieren. Die Umweltverbände sind zwar angenehm überrascht von Merkels Ankündigung, halten sie aber nur für einen ersten Schritt in die richtige Richtung.
Die derzeit pro Jahr weltweit für Schutzgebiete bereitstehenden vier bis sechs Milliarden Euro müssten verfünffacht werden, sagt Ralph Kampwirth vom WWF.Wenn große Urwald-Gebiete überleben sollen, liegt eine weitere große Chance in der fairen Nutzung der dort schlummernden genetischen Schätze. Die Kanzlerin erinnerte daran, dass die Pazifische Eibe das Bau-Schema für das derzeit wichtigste Krebsbekämpfungsmittel geliefert hat.
Das nächste wichtige Heilmittel könnte in den Sporen eines Pilzes verborgen sein, der nur in einer bestimmten Orchideenart vorkommt, die ihrerseits nur in einem kleinen Regenwald-Areal heimisch ist. Welch ein Verlust, wenn gerade dieses Areal gerodet wird.
Der Zugang (Access) zu diesen Schätzen der Natur und die gerechte Aufteilung ihres wirtschaftlichen Nutzens (Benefit Sharing im Verhandlungs-Kauderwelsch ist von „ABS” die Rede) sollen vertraglich geregelt werden. Dies ist ein zentrales Ziel der UN-Konferenz. In der deutschen Präsidentschaft herrscht große Zuversicht, dass zum Abschluss der Konferenz am Freitag ein ABS-Verhandlungstext verabschiedet wird. Bis zum nächsten Treffen 2010 im japanischen Nagoya kann dann über diesen wichtigen Baustein endlich wirklich verhandelt und nicht mehr nur unverbindlich gesprochen werden.
In Bonn verhandelt fast die gesamte Welt miteinander (191 Staaten) die USA gehören zu den wenigen Ausnahmen, die nicht teilnehmen. Die Frage unserer Zeitung, ab wann mit den Amerikanern zu rechnen sei, beantwortete Gabriel mit dem Hinweis auf den neuen Präsidenten, der im November gewählt wird. Der Bush-Nachfolger wird sich zumindest für ABS interessieren, erwartet die deutsche Konferenzpräsidentschaft. Denn wer einen gesicherten Zugang zu den genetischen Naturschätzen habe, der sichere sich einen Wettbewerbsvorteil.
Die Instrumente liegen also bereit, um das Artensterben bis 2010 zumindest abzubremsen. Dann wäre nicht wie jetzt geschehen während der Lektüre dieses Artikels wieder eine Art für immer von unserem Planeten verschwunden.
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