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Reformationstag: Die Bibel - "gerecht" übersetzt

VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 31.10.2006 - 15:58

Düsseldorf (RP). Fünf Jahre lang hat eine Gruppe von Theologen an einer neuen Übersetzung der Bibel gearbeitet. Das Werk ist nun erschienen und heißt „Bibel in gerechter Sprache“. Sie will vor allem geschlechtergerecht sein. Das Ergebnis ist eine Kopfgeburt.

Eine von Martin Luther übersetzte Bibel aus dem Jahr 1535.  Foto: ddp
Eine von Martin Luther übersetzte Bibel aus dem Jahr 1535. Foto: ddp

2000 Jahre lang war der Schöpfungsbericht nicht gerecht. Höchste Zeit, das zu ändern, sagte sich ein Team von 52 evangelischen Theologen (Männer und Frauen) und schrieb die Geschichte neu. Adam durfte als erster Mensch kein Mann sein und wurde im Paradies zum „Menschenwesen“. Als Eva dazukam, die aus einem Teil Adams geschaffen wurde, schrumpfte Adam zum „Rest des Menschenwesens“. Da er aber neben Eva auch Mann sein sollte, hieß er fortan „Mann-Mensch“ oder „Mann als Mensch“ oder „Mensch als Mann“.

So jedenfalls sieht die Lösung der „Bibel in gerechter Sprache“ aus, die jetzt erschienen ist. Die neue Übertragung ins Deutsche will „dem biblischen Grundthema Gerechtigkeit in besonderer Weise entsprechen“. Die Verfasser fühlen sich der feministischen Theologie, der Befreiungstheologie und dem christlich-jüdischen Dialogs verpflichtet.

Die Sprache soll „geschlechtergerecht“ sein - dahinter steht der feministische Einwurf, dass die Bibel in der patriarchalischen Welt des alten Israel entstanden ist. So werden nun dort, wo bisher nur Männer genannt sind, die Frauen mit aufgeführt - bis hin zu den „Jüngerinnen und Jüngern“ Jesu. Auch Gott soll „nicht einseitig mit grammatisch männlichen Bezeichnungen“ benannt werden.

Soziale Themen erkennbar

Zweitens soll die Übersetzung verhindern, dass der „Text anti-jüdisch“ gelesen werden kann. Und drittens sollen soziale Themen erkennbar sein - so werden Sünder oder Gottlose zu Menschen, die Unrecht- und Gewalttaten begehen, damit der soziale Charakter der Gottferne hörbar wird.

Wer versucht, die Übersetzung quasi in einem Rutsch zu lesen, bleibt schnell stecken. Zu fremd klingt die Sprache (vielleicht deshalb, weil sich der Luther-Sound tief ins Gedächtnis gebrannt hat). Im Schöpfungsbericht etwa soll ein hebräisches Wortspiel wiedergegeben werden. Aus Luthers „Die Schlange war listiger als alle Tiere“ wird „die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle Tiere“.

In Psalm 23 wird der Hirten-Begriff getilgt. Bei Luther heißt es: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele“. In gerechter Version heißt es: „Adonaj weidet mich, mir fehlt es an nichts. Auf grüner Wiese lässt Gott mich lagern, zu Wassern der Ruhe leitet Gott mich sanft. Meine Lebendigkeit kehrt zurück.“

Tschüs erquickte Seele

Tschüs erquickte Seele, hallo Lebendigkeit: Was gerecht daran sein soll, bleibt schleierhaft. Wohl ist der Klang dahin - und die aktiv von Gott erquickte Seele wird zum abstrakten Psycho-Faktor „Lebendigkeit“.

Schwerer als die stilistischen Vorbehalte wiegen sachliche Anfragen. Problematisch ist die Fülle der Gottesbezeichnungen (in Deutsch oder Hebräisch): der Ewige, die Ewige, Schechina, Adonaj, ha-Schem, der Name, GOTT, die Lebendige, der Lebendige, Ich-bin-da, ha-Makom, DU, ER, SIE, die Eine, der Heilige, die Heilige oder Gottheit. In dieser Abstraktion steht die Personalität der christlichen Gottesvorstellung auf dem Spiel.

Im Ganzen wird der Gott, den Jesus zärtlich-vertraut mit „abba“ (Vater) ansprach, nur noch fassbar als Begriffsvielfalt. Diese Er-sie-es-alles-Gottheit verschwimmt zu etwas Unansprechbarem - jedem Gebet müsste man eigentlich eine Namenliste voranstellen.

Kein Ersatz für andere Übersetzungen

Schließlich wird man die Frage stellen müssen, ob das Prinzip Gerechtigkeit nicht das evangelische „sola scriptura“ (allein die Schrift) in Frage stellt. Siehe Schöpfungsbericht: Darf man ihn so lange zurechtmodeln, bis die Mann-Frau-Proportionalität gewahrt ist? Das Gerechtigkeitsideal, das zum Übersetzer-Kriterium wird, stammt aus einer Tradition, die zeittypisch und damit ideologieanfällig ist.

Als hätten sie diesen Vorwurf geahnt, geben sich die Verfasser der gerechten Bibel bescheiden: Ihre Version sei kein Ersatz für andere Übersetzungen, sondern eine „Basisübersetzung“, ein offenes Projekt. Entstanden ist eine Kopfgeburt; ein Buch, an dem man sich abarbeiten muss. Erholen kann man sich weiterhin bei Luther.

--> Textbeispiel

Das Vaterunser
Die Übersetzung nach Luther: „Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Übersetzung in gerechter Sprache: „Du, Gott, bist unser Vater und Mutter im Himmel, dein Name werde geheiligt. Deine gerechte Welt komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf der Erde. Das Brot, das wir brauchen, gib uns heute. Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir denen vergeben, die uns etwas schuldig sind. Führe uns nicht zum Verrat an dir, sondern löse uns aus dem Bösen.“


 
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