Wissen der Zukunft: Die Erforschung der Volkskrankheiten
VON STEFANIE WINKELNKEMPER - zuletzt aktualisiert: 18.11.2008 - 08:20Greifswald (RP). Wissenschaftler der Universität Greifswald untersuchen, warum Menschen krank werden. Sie erheben von 8000 Probanden jeweils mehr als eine Million Datensätze. Eine neue Medizin wird durch die einzigartige Studie möglich: die individualisierte Therapie.
Mecklenburg-Vorpommern hat ein Problem: Gallensteine. Nur ein Indianerstamm in Chile verzeichnet mehr Gallen-Erkrankungen als die Menschen um Greifswald und Stralsund. Sie sterben auch früher als andere und sind dicker als der Rest der Republik. „Selbst die Bayern können da nicht mithalten“, sagt Henry Völzke (40), Leiter der Bevölkerungsstudie „Study of Health in Pomerania“ (SHIP). Er und sein Team sehen Mecklenburg-Vorpommern daher als ideale Modell-Region für das außergewöhnliche Projekt SHIP.
Die Studie ist breiter aufgestellt als alle bisherigen Gesundheitstests weltweit. In zwei Durchgängen sind mehr als 3000 Probanden seit 1997 bereits untersucht worden. Im März 2008 startete die dritte Runde mit zusätzlichen 5000 Testpersonen. Sie alle erleben einen Untersuchungs-Marathon in Greifswald. Sie kommen für zwei Tage in die Stadt, beantworten Fragen zur persönlichen Lebenssituation, machen ein EKG, ein Ganzkörper-MRT, gehen zum Zahn- und Hautarzt. Auch ein Ultraschall der Halsschlagadern, der Schilddrüse, der Arm-Arterien gehören dazu, und die DNA jeder Testperson wird auf einem Genchip untersucht.
Ziel ist es, die Zusammenhänge von Vererbung, Lebensweise und Umwelteinflüssen für die Entstehung von Krankheiten besser zu verstehen. Pro Person werden daher mehr als eine Million Daten erhoben. Sie sollen den Weg in die „individualisierte Medizin“ bereiten. Das heißt, dass Therapien auf den Einzelfall abgestimmt werden.
Die meisten Behandlungen heute folgen einem Standard. Ärzte berücksichtigen zwar, welche erblichen Faktoren und Begleiterkrankungen vorhanden sind, wenn sie ein Medikament gegen Bluthochdruck verschreiben. Aber es fehlen schnelle und effektive Ansätze, um ein ganzheitlich individuelles Konzept aufzustellen. Auch das ist Aufgabe von SHIP.
Mecklenburg-Vorpommern eignet sich als Modell auch deshalb so gut, weil das Land schon heute mit Problemen des demografischen Wandels konfrontiert ist, wie sie in zehn bis 20 Jahren in den alten Bundesländern erwartet werden. „Wir sehen die Region exemplarisch für Geburtenrückgang, Überalterung und eine Überlastung der Dienstleister im Gesundheitswesen“, sagt Jürgen Simon von Siemens.
Die Siemens AG ist in den Forschungsprozess involviert, weil sie als erstes Unternehmen weltweit eine voll integrierte Krankheits-Diagnostik vom Labor über die Bildgebung bis zur Informationsverarbeitung bietet. „Wir haben ein Interesse daran, an der Spitze der Entwicklung zu bleiben“, sagt Simon. Das Wissen um die Entstehung von Krankheiten wird dabei immer wichtiger. Denn Früherkennung kostet das Gesundheitswesen weniger, als wenn Krankheiten im Spätstadium entdeckt wird. Siemens und das Land Mecklenburg-Vorpommern stellen daher je zur Hälfte 8,6 Millionen Euro für SHIP zur Verfügung. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung investiert 5,4 Millionen Euro.
Dafür werden 60 Mitarbeiter in Greifswald beschäftigt. „Zurzeit läuft das MRT-Gerät zehn bis zwölf Stunden am Tag. Wir sind auch auf die Wochenenden eingerichtet“, sagt Völzke. Ein wichtiger Zusammenhang, den sein Team bereits herausgefunden hat: Die Fettleber fördert eine Verkalkung der Halsschlagader. Bis vor wenigen Jahren galt eine übermäßige Einlagerung von Fett in der Leber noch als unbedeutender Zufallsbefund. Heute weiß man: „Menschen mit Fettleber verursachen im Gesundheitswesen rund 26 Prozent höhere Kosten als Menschen ohne diesen Befund“, so Völzke. Er wies bei jeder fünften Testperson in Mecklenburg-Vorpommern eine behandlungsbedürftige Fettleber nach.
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