Forscher entdecken Tiefsee-Tiere: Eichelwürmer am Unterwasser-Gebirge
VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 17.07.2010 - 22:45Aberdeen/Düsseldorf (RPO). Die Wissenschaft weiß mehr über die Oberfläche des Mondes als über die Tiefsee. Deswegen haben Forscher das Projekt "Census of Marine Life", eine Art Volkszählung der Meeresbewohner, angestoßen. Dabei entdecken die Meeresbiologen immer wieder unbekannte Spezies. Kürzlich ist ein Team mit atemberaubenden Bildern und neuen Erkenntnissen vom Mittelatlantischen Rücken zurückgekehrt.
Bei dem Gedanken an wilde Natur haben die meisten Menschen grüne Wälder und blühende Savannen vor Augen. An die Ozeane denken die Wenigsten, dabei gibt es im Meer einen ungeahnten Artenreichtum. In der Dunkelheit, nahe am Grund des Meeres und an den Hängen der unterseeischen Gebirge, gibt es viel mehr Leben als bislang angenommen. Das Projekt "Census of Marine Life" hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese weißen Flecken auf Landkarte mit Farbe zu füllen.
Diesem Ziel ist eine Expedition, die kürzlich nach sechs Wochen aus dem Atlantik zurückgekehrt ist, deutlich näher gekommen. Die Forscher haben mehr als zehn möglicherweise neue Spezies beobachten und fangen können, wie die beteiligte Universität im schottischen Aberdeen mitteilte.
Census of Marine Life
Der Census of Marine Life ist eine Art Unterwasser-Volkszählung. Das von Meeresbiologen ins Leben gerufene Projekt begann im Jahr 2000. Seither wurden über 5.600 neue Spezies zu der Datenbank hinzugefügt, die am Ende sämtliche in der See vorkommende Lebensformen erfassen soll. Wissenschaftler aus mehr als 80 Nationen nehmen an dem Projekt teil.
Die Forscher waren mit ihrem Schiff RSS James Cook und einem ferngesteuerten Unterwasserroboter sechs Wochen am Mittelatlantischen Rücken auf Erkundungsfahrt. Das unterseeische Gebirge erstreckt sich von Island ganz im Norden über die Azoren bis hinunter in die südpolaren Gewässer. Der Kamm des Gebirgszuges liegt zwischen 1500 und 3000 Metern unter der Wasseroberfläche, tiefe Schluchten durchziehen den Höhenzug.
Überraschungen für Forscher
Der Mittelatlantische Rücken ist als artenreiches Seegebiet bekannt, allerdings noch nicht flächendeckend erforscht. Dem sind die Forscher nun näher gekommen, sie haben zahlreiche neue und vor allem überraschende Erkenntnisse gewonnen. "Diese Expedition hat unsere Denkweise über das Leben in der Tiefsee im Atlantik grundlegend geändert", sagt Monty Priede, Professor an der Universität im schottischen Aberdeen. "Wir waren überrascht, wie sehr sich die Tiere an den beiden Seiten des Gebirgskammes voneinander unterscheiden - obwohl zwischen ihnen nur einige Meilen liegen."
Immerhin treffen an dieser Stelle das warme Wasser des Golfstroms und kältere Ströme aus dem Norden aufeinander - ideale Bedingungen für die Produktion von Plankton, das in der maritimen Nahrungskette am Anfang steht. "Wir waren überrascht, dass Spezies, die woanders als selten gelten, am Mittelatlantischen Rücken in Fülle vorkommen", erklärt Expeditionsteilnehmer Dr. Andrey Gebruk vom Shirshov Institut in Moskau.
Neue Wurmart entdeckt
Unter anderem entdeckten die Forscher in den mehr als 300 Stunden, in denen das Uboot im Einsatz war, eine spezielle Wurmart. Diese Spezies gehört laut Priede "zu einer kaum bekannten Gruppe von Tieren, die evolutionär gesehen nah an dem fehlenden Verbindungsstück zwischen den Tieren mit und ohne Wirbel sind". Von diesen Enteropneusten (Eichelwürmern) entdeckten die Experten drei neue Arten - ein Highlight der Expedition.
Der Takt der Neuentdeckungen dürfte in Zukunft steigen. "Mit neuer Technologie und präzisen Navigationsmethoden können wir in diese Regionen vordringen und Dinge entdecken, von denen wir nie eine Vorstellung hatten", fügt Priede an. Genug Raum zum Erforschen gibt es schließlich: 70 Prozent der Erde sind mit Wasser bedeckt - davon wiederum ist weniger als ein Prozent erforscht.
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