Wissen der Zukunft: Eine Datenbank hilft Krebs diagnostizieren
VON RAINER KURLEMANN - zuletzt aktualisiert: 17.11.2008 - 14:25Düsseldorf (RP). Es klingt ungewöhnlich, unverständlich, wie die Suche nach einem verborgenen Schatz: Ein Großteil des Wissens über Krankheiten schlummert derzeit ungenutzt in den Datenbanken der Kliniken. Auf den Festplatten der Computersysteme lagern zigtausende Bilder der verschiedenen Typen der Krebstumore.
Krebspatienten werden regelmäßig untersucht, während der Therapie, aber auch noch Jahre später. Nicht selten liefert eine einzige Untersuchung 150 bis 200 einzelne Bilder. Allein hier sammeln sich rasch einige Terabyte an Bilddaten. Sie erzählen vom Verlauf einer Krankheit, von den sich verändernden Tumorzellen und der Frage, ob die richtige Therapie gewählt wurde.
Ein umfangreicher Datenschatz, aber eine Fundgrube, die meistens schweigt. Das Material ist nur für die Ärzte am jeweiligen Klinikum zugänglich – wenn überhaupt. Häufig werden die Daten schlicht und einfach nur nach Datum, Patient oder Untersuchungsart geordnet, nicht etwa nach Krebstypen oder Behandlungserfolg.
Eine Schwäche, denn der Vergleich unterschiedlicher Patienten macht an dieser Stelle besonders viel Sinn. Er erleichtert die Diagnose und die Wahl der Therapie. Auch die Prognose über den Verlauf der Krankheit wird zuverlässiger, wenn die Erfahrung ähnlicher Fälle genutzt werden kann.
Der Schatz soll jetzt durch ein Netzwerk aus Computern gehoben werden: mit der medizinischen Suchmaschine „Medico“. „Der behandelnde Arzt bekommt eine präzise Entscheidungshilfe an die Hand“, erklärt Siemens-Experte Martin Huber. Das Technologie-Unternehmen koordiniert die Entwicklung dieses internationalen Projektes, an dem Firmen, Universitäten und Fraunhofer-Institute beteiligt sind. Prototyp für ihre Arbeit ist der Lymphdrüsenkrebs.
„Medico“ soll den Ärzten ihre Arbeit nicht abnehmen, es ist kein Diagnose-Roboter, wie wir ihn aus Science-Fiction-Filmen kennen. Die neue Suchmaschine kann aber die Arbeit der Ärzte vereinfachen. „Medico“ wird die aktuellen CT-Bilder mit älteren Untersuchungen vergleichen können und direkt die Veränderungen zeigen. Nicht nur das: „Wenn ein Arzt beispielsweise auffällige Strukturen in der Leber findet, kann er diese zukünftig über die Datenbank mit den Untersuchungen von anderen Patienten vergleichen“, erklärt Huber.
Für dieses Projekt haben zahlreiche Radiologen die Datenbank mit Diagnosen aus tausenden CT-Untersuchungen gefüttert. Weltweit haben sich die Mediziner dafür auf eine einheitliche Sprache für ihre Befunde geeinigt. Mehr noch: Sie haben zusätzliche Ergebnisse hinzugefügt: den Verlauf der Therapie, das Ergebnis der Gewebeprobe.
Seit einem Jahr läuft die Arbeit an dem medizinischen Leuchtturmprojekt, mindestens vier weitere Jahre sind geplant. „Medico“ muss sich durch für einen Computer schlecht strukturierte Daten kämpfen. Mittlerweile erkennt die Suchmaschine selbstständig Organe, Knochen und Gefäße in den CT-Bildern verschiedener Menschen.
Bereits das ist eine gewaltige Leistung. Was in der Theorie einfach erscheint, erweist sich in der Praxis als Herkules-Aufgabe. Die Patienten sind nämlich nicht gleich: Größe, Alter und Gewicht verändern die Lage der Organe und ihre Abbildung durch den Computer-Tomografen. Wo das menschliche Auge klar im Vorteil ist, vermag „Medico“ ähnliche Strukturen nur dank komplizierter grafischer Auswertungsprogramme zu erkennen.
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