90 Jahre Allgemeine Relativitätstheorie: "Einstein hatte da riesiges Glück"
zuletzt aktualisiert: 28.05.2009 - 09:10München (RPO). Vor 90 Jahren wurde Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie bewiesen. Ein Gespräch mit dem Astrophysikprofessor und Fernsehmoderator Harald Lesch über die Theorie, ihre Wirkung sowie die Schwierigkeiten sie zu begreifen und zu akzeptieren.
Sind sie Einstein-Fan?
Lesch: Ich bin Fan seiner Theorien, die sind grandios. Als Mensch ist er mir dagegen immer sehr fremd geblieben. Dafür ist er zu weit weg vom normalen Dasein.
Die Relativitätstheorie hat auch heute noch Gegner. Es gibt unzählige Pamphlete und angebliche Gegenbeweise. Verstehen Sie, warum manche Menschen so verbissen dagegen kämpfen?
Lesch: Einsteins Relativitätstheorie hat die Vorstellung von Raum um Zeit revolutioniert. Das ist so wie früher die Auseinandersetzung darum, ob sich alles um die Erde dreht. Als die Menschen gesagt bekamen: "Nö, die Erde ist auch nur einer von vielen Planeten" haben auch viele gekämpft wie verrückt. Die Relativitätstheorie relativiert vieles im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt nicht mehr einen Raum und eine Zeit, in denen sich das ganze kosmische Drama vollzieht, sie hängen stattdessen vom Betrachter ab. Einstein hat die Welt komplizierter gemacht.
Haben sie selbst schon Gegenbeweise zugeschickt bekommen?
Lesch: Ja. Die sind teilweise abstrus. Manche Menschen sind der Meinung, die Welt wäre für uns gemacht. Deswegen erwarten sie, dass wir mit unserem gesunden Menschenverstand alles verstehen können. Was dagegen verstößt, halten sie für falsch. Die Welt ist aber nicht für uns gemacht worden. Und die physikalischen Grundgesetze haben mit unserem Anschauungsvermögen absolut nichts zu tun. Umso erstaunlicher ist es, dass wir sie herausgefunden haben, mit unseren anderthalb Kilo Erkenntnisapparat im Kopf.
Warum sollte man Einstein glauben?
Lesch: Experimente zeigen, dass die Effekte, die er vorhersagt, stimmen. Das ist mit einer Genauigkeit bis acht Stellen hinter dem Komma bestätigt.
Würden sie Einstein auch ohne die Experimente glauben?
Lesch: Nein. Experimente sind die schärfsten Waffen des Physikers. Sie sind der Gerichtshof, der darüber entscheidet, ob eine Theorie nicht falsch ist. Ohne Überprüfung ist eine Theorie nur eine nette intellektuelle Spielerei.
Man darf die Allgemeine Relativitätstheorie dann also erst seit dem Beweis vor 90 Jahren guten Gewissens verwenden?
Lesch: Ja. Einstein hatte da riesiges Glück, dass diese Sonnenfinsternis kam, bei der man zeigen konnte, dass die Lichtstrahlen im Schwerefeld der Sonne wirklich gebogen werden. Wenn es 50 oder 60 Jahre bis zu einem experimentellen Nachweis gedauert hätte, würde die Allgemeine Relativitätstheorie wohl auch heute noch skeptisch betrachtet werden. Auf der anderen Seite ist die moderne Physik ohne Relativitätstheorie nicht denkbar. Für uns ist heute die Allgemeine Relativitätstheorie ein Handwerkszeug wie für einen Kfz-Mechaniker ein Schraubenschlüssel. Die hat sich bewährt, ist einfach klasse.
Ist es nachvollziehbar, wie Einstein diese Theorie ausgebrütet hat?
Lesch: Bei der Speziellen Relativitätstheorie ja. Das lag damals in der Luft. Es gab schon Hinweise darauf, dass die Lichtgeschwindigkeit eine Konstante ist. Bei der Allgemeinen Relativitätstheorie ist es nicht so ohne weiteres zu erklären, wie Einstein das gemacht hat. Er musste erstmal Jahre arbeiten, um überhaupt die Mathematik zu verstehen. Da ist nichts mehr einfach. Da verlässt einen die Anschauung völlig. Die Spezielle Relativitätstheorie - das war Zeitgeistphysik. Aber die Allgemeine, das ist Einsteins Baby.
Haben sie eine anschauliche Vorstellung davon, was bei der Allgemeinen Relativitätstheorie passiert?
Lesch: Die anschauliche Variante ist immer die mit dem berühmten Gummituch, das einen zweidimensionalen Raum darstellt und einer schweren Kugel, die für die Sonne steht und eine Mulde in das Gummituch drückt. Das ist die Raum-Zeit-Krümmung. Eine kleinere Kugel, die man geschickt in die Mulde wirft, könnte in einer Umlaufbahn die Sonnenkugel umkreisen. Die Relativitätstheorie lässt sich damit ganz gut erklären, so lange man es nicht richtig macht, nämlich von zwei Dimensionen auf vier übergeht. Da ist es mit der Anschaulichkeit vorbei. Als die Relativitätstheorie gerade entstand, hat Picasso mal versucht, eine vierdimensionale Frau zu malen. Da ist nichts zu erkennen, weil man sie ja von allen drei Seiten gleichzeitig sehen müsste.
Nun kann die Relativitätstheorie ja nicht alles erklären. Werden wir am Ende vielleicht erfahren, dass die Relativitätstheorie doch falsch war?
Lesch: Wir sind sicher, dass die Allgemeine Relativitätstheorie schon ziemlich gut ist. Auch eine völlig neue Theorie wird der Aussage der Relativitätstheorie, die Lichtgeschwindigkeit sei in allen Bezugssystemen die gleiche, nicht widersprechen. Völlige Revolutionen des Weltbildes wird es wohl nicht mehr geben.
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