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Dramatische Entwicklung: Jede dritte Tierart vom Aussterben bedroht

VON STEFANIE WINKELNKEMPER - zuletzt aktualisiert: 07.05.2008 - 14:12

Berlin (RP). Eine "Agenda 2010" gibt es auch im Naturschutz: Bis 2010 wollen 192 Staaten der Erde das Artensterben von Tieren und Pflanzen bremsen. "Biodiversitäts-Konvention" heißt die Agenda der Umweltschützer. Sie soll ab dem 19. Mai in Bonn mit rund 5000 internationalen Gästen, darunter die Umweltminister der Länder, fester gezurrt werden.

Was Bali für das Klima war, soll Bonn für den Artenschutz werden. Doch die Ziele der Konferenz klingen angesichts der dramatischen Entwicklung utopisch. Erst das Jahr 2007 brachte einen neuen Negativrekord. Nie zuvor führte die Rote Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) so viele bedrohte Pflanzen und Tiere.

Sie führt inzwischen 39 Prozent aller bislang untersuchten Arten auf - insgesamt 16306. Zum Vergleich: Im Jahr 1996 standen noch knapp 5000 Arten weniger auf der Liste. Zu den Neuzugängen zählen erstmals auch drei Korallen- und zehn Algenarten. Ihnen setzen die Folgen des Klimawandels und die Fischerei besonders zu. Aufgelistet werden außerdem jede vierte Säugetierart, jede achte Vogelart, jede dritte Amphibienart und jede fünfte Haifischart. Experten schätzen, dass jede dritte Tierart vom Aussterben bedroht ist.

Gerade die Hai-Bestände haben zuletzt dramatisch abgenommen. „Da kann man sagen: Was soll’s. Der nützt uns ja nichts“, sagt Ahmed Djobhlaf, oberster UN-Wächter über die Biodiversität. Doch ohne Haie vermehren sich kleinere Raubfische schneller und fressen Schnecken und Muscheln weg, die wiederum für die Wasserqualität wichtig sind. Das Verschwinden einer einzigen Art kann einen immensen Dominoeffekt auslösen.

Aufgabe der Delegierten in Bonn ist es, das 1992 verabschiedete „Übereinkommen zur biologischen Vielfalt“ weiterzuentwickeln. Es geht etwa um ein globales Netz von Schutzgebieten. Sie sind das älteste Mittel gegen Artensterben, und seit 1960 hat sich die Fläche der Gebiete verzehnfacht. Ein Blick auf die Weltkarte zeigt allerdings: Es wird eine Menge Sand und Eis geschützt. Zu den größten Schutzgebieten zählt etwa die Wüste von Saudi-Arabien. Auch andere Gebiete wurden ausgewiesen, in die sich ohnehin kaum Menschen verirren.

Ein Netz neuer Flächen soll nun an Land bis 2010 und in den Meeren bis 2012 etabliert werden. Doch das Geld fehlt. Die reichen Länder haben zugesagt, die Kosten für neue Projekte der armen Länder zu übernehmen. Deutschland verpflichtete sich, seine Ausgaben für Entwicklungshilfe bis 2015 auf 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. 2007 lag das Niveau nur bei 0,37 Prozent. Finanzminister Peer Steinbrück hat angekündigt, den Entwicklungs-Etat einzufrieren.

Der World Wildlife Fund (WWF) kritisiert die Diskussion als falsches Signal: „Die Bundesregierung trägt als Gastgeber eine entscheidende Verantwortung für den Erfolg des UN-Gipfels“, sagt Jörg Roos, WWF-Experte für Biodiversität. Unter dem Stichwort steht die Bonner Konferenz. Biodiversität ist eine Formel für Naturschutz. Unter diesem Dach tummeln sich alt bekannte Themen, die kaum Beachtung finden. Ein Bespiel: Seit die Regierungen 1992 eine Trendwende beim Artensterben versprachen, ist die Zahl der Arten auf der Roten Liste um 44 Prozent gestiegen.


 
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