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Klimawandel nicht mehr aufzuhalten: Jeden Sommer 40 Grad

VON RAINER KURLEMANN - zuletzt aktualisiert: 26.09.2006 - 09:23

Düsseldorf (RP). Im Februar 2007 werden 500 Forscher den Vereinten Nationen einen gemeinsamen Bericht zur Veränderung des Klimas vorlegen. Was bisher bekannt wurde, zeigt: Unser Leben wird sich verändern.

Was wir heute als Jahrhundertsommer bezeichnen, wird in 50 Jahren normal sein.  Foto: ddp
Was wir heute als Jahrhundertsommer bezeichnen, wird in 50 Jahren normal sein. Foto: ddp

Rajendra K. Pachauri wird häufig gefragt, ob er das Jahr 2050 noch erleben möchte. Der Mann aus Indien erledigt eine der wichtigsten Aufgaben der Menschheit. Sagt er jedenfalls, und die meisten Experten stimmen ihm zu.

Pachauri sammelt alle Informationen, die die Wissenschaft derzeit über das sich ändernde Klima besitzt - und die Prognosen darüber, wie sich das Durchschnittswetter bis zum Jahr 2050 und bis 2100 ändern wird. Im Februar soll der Klimaforscher den vierten Bericht des Internationalen Komitees zum Klimawandel (IPCC) vorlegen, dessen Vorsitzender er ist. Das Fazit kommt nicht überraschend: Der Klimawandel ist im vollen Gange - und vielleicht nicht mehr aufzuhalten

Derzeit durchläuft der IPCC-Bericht eine neue Abstimmungsrunde mit Regierungen und internationalen Forschungseinrichtungen. Diese Phase wird begleitet von täglich neuen Details, was Forscher weltweit vorhersagen. Für Deutschland heißt es: 2050 klettern die Temperaturen im Schnitt sieben Wochen lang im Sommer täglich über 25 Grad, an mehr als einem Dutzend Tage sogar über 30 Grad, selbst mehrere Tage mit 40 Grad und mehr sind keine Seltenheit, vor allem in Ostdeutschland aber auch im Westen.

Jahrhundertsommer wird Alltag

Das, was wir heute Jahrhundertsommer nennen, wird in 50 Jahren zum Alltag. Der Kampf gegen die Hitze wird zur täglichen Herausforderung, denn auch nachts kühlt es kaum ab.

Bei uns im Westen Deutschlands regnet es dann zwar seltener, aber übers Jahr gesehen nicht weniger: Heftige Gewitter sind an der Tagesordnung, die Kanalisation wird das Wasser nicht fassen können. Überschwemmungen. Im Süden und Nordosten Deutschlands wird aber ein Drittel weniger Regen fallen als im Mittel zwischen 1960 und 1990.

Weltweit steigt der Meeresspiegel, allerdings mit etwa 40 Zentimetern bis 2100 weniger als bisher befürchtet. Gleichzeitig bilden sich mehr Wüsten, selbst in Südeuropa wird das Trinkwasser knapp werden.

Mit der Industrialisierung draufgelegt

Der IPCC-Vorsitzende Pachauri mag so konkrete Szenarien nicht kommentieren. Ganz der Vermittler mahnt er zur Sachlichkeit - aber auch zum Handeln. „Die Politik verlangt unsere Ratschläge“, beschrieb er im Interview mit unserer Zeitung seine Rolle. Wenn es um konkrete Auswirkungen geht, mag er sich nicht festlegen, um nicht in den Geruch der Parteilichkeit zu kommen. Er verweist dann auf die verschiedenen Szenarien, die den Klimamodellen zugrunde liegen.

Das gerade beschriebene Bild ergibt sich, wenn die Forscher von einer moderaten Steigerung der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre ausgehen (in Zahlen: zwischen 500 und 800 ppm). Aus Messungen im Eis des Südpols weiß man inzwischen, dass die CO2-Konzentration in den vergangenen 100.000 Jahren niemals über 360 ppm gestiegen ist. Den Rest haben die Menschen mit der Industrialisierung obendrauf gelegt - und tun es weiter jeden Tag. Selbst wenn ab morgen alle Abgase sauber wären, würde der Prozess noch Jahrzehnte anhalten.

Die Forscher berechnen daraus einen durchschnittlichen Temperaturanstieg auf der Erde zwischen 2,5 und 5,8 Grad. Das läge damit im Bereich ihrer Prognose des letzten IPCC-Berichts im Jahr 2001. Genauer vorhersehen können sie das nicht, weil das Klima ein komplexer Vorgang und noch längst nicht verstanden ist. Zudem ist trotz tausender Wetterstationen rund um den Globus das Datennetz noch nicht so dicht, wie es sein sollte.

Überraschungen

So erleben selbst Klimaforscher noch Überraschungen. Etwa, dass das ewige Eis der Arktis schneller schmilzt, als sie es erwartet haben. Oder die veränderte Vegetation in den Regenwäldern am Amazonas, wo die Natur mit häufiger auftretenden Trockenperioden ihre Probleme hat.

Was nun fehlt, ist eine Grenze: Gibt es einen Wert, den die Menschheit noch verkraftet? Wer darf überhaupt so etwas festlegen? Was muss man genau tun, um diesen gefährlichen Grenzwert nicht zu überschreiten?

Und schließlich: Ist der Klimawandel noch aufzuhalten? Die Pessimisten unter den Forschern glauben, dass der Prozess sich selbst katalysiert, also seine Geschwindigkeit stetig wächst. Etwa weil Permafrost-Boden taut, der Golfstrom versiegt oder das Eis der Polarkappen vollständig schmilzt und damit weniger Sonnenlicht reflektiert wird. In diesen Fragen wird der neue IPCC-Bericht trotz aller Sachlichkeit politisch werden müssen.

„Das Zeitfenster, in dem wir etwas unternehmen können, wird immer kleiner“, sagt Hans Joachim Schellnhuber, der das Potsdamer Institut für Klimaforschung aufbaute. „Vielleicht haben wir noch höchstens 15Jahre Zeit, um die Auswirkungen des Klimawandels einzugrenzen.“ Damit meint Schellnhuber schon drastische Einschnitte in heutige Lebensgewohnheiten: weltweit mindestens 60 Prozent weniger Kohlendioxid-Ausstoß als in den 90er Jahren.

Das Problem ist so massiv, dass Deutschland es längst nicht mehr allein lösen kann. Umweltminister Sigmar Gabriel forderte mit seiner französischen Kollegin Nelly Olin, Europa müsse seine Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 30 Prozent senken. Der Klimawandel sei „schon heute deutlich spürbar“. Wie Großbritannien sehe auch Deutschland die Energiepolitik als einen der Schwerpunkt seiner EU-Präsidentschaft.

Quelle: alfa

 
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