Wissen der Zukunft: "Jeder Einzelne ist Wichtiger denn je"
VON STEFANIE WINKELNKEMPER - zuletzt aktualisiert: 24.11.2008 - 17:40Düsseldorf (RP). Selbstständiges Handeln und Mitdenken werden im Arbeitsleben immer wichtiger. Die industrielle Entwicklung stellt höhere Anforderungen an jeden Einzelnen. Darüber sprachen wir mit dem Sozialforscher Ulrich Jürgens. Er leitet am Wissenschaftszentrum Berlin die Gruppe "Wissen, Produktionssysteme und Arbeit"
Herr Jürgens, wie wirkt sich die Modernisierung in der Produktion auf den Mensch aus?
Jürgens Da sehe ich drei große Entwicklungsstränge. Zum einen wird der Mensch durch die Automatisierung immer stärker zu einem Steuerer und Überwacher von Prozessen. Zweitens ist jeder Einzelne in seiner Rolle wichtiger denn je, weil alle großen Produktionsstrukturen flexibel reagieren müssen, und der Mensch ist am flexibelsten. Drittens sind wir auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft. Deutsche Unternehmen und ihre Mitarbeiter werden dadurch immer mehr zum Blaupausen-Bereitsteller, während sich die eigentliche Produktion in die dritte Welt verlagert. An die Stelle dieser Jobs treten oft gering bezahlte und prekäre Dienstleistungstätigkeiten.
Was bedeutet das für den Einzelnen?
Jürgens Nun, das Engagement des Einzelnen wird dabei immer wichtiger und auch die Anforderungen immer höher. Es gibt kaum mehr diese Jobs, bei denen man stur abschalten kann. Jeder muss mitdenken und aufmerksam sein. Alle modernen Organisationskonzepte führen zu dieser Art von Subjektivierung der Arbeit: Der Einzelne wird in Problemlösungs-Prozesse eingebunden.
Welche Probleme sehen Sie?
Jürgens Der Einzelne kann während und nach der Arbeit nicht sofort abschalten, weil er Problemlösungen sucht. Das kann zu freiwilliger Mehrarbeit führen, und manche Arbeitgeber nutzen diese Subjektivierung auch ein Stück weit aus.
Hat das Auswirkungen auf unser Privatleben?
Jürgens Die Subjektivierung führt dazu, dass die Grenzen zum Privatleben nicht mehr so leicht zu ziehen sind. Hinzu kommt die scharfe Konkurrenz durch einen globalen Markt. Sie führt zu einer Hochleistungs-Arbeitsorganisation, und Hochleistungssysteme haben immer ein Merkmal: Sie vermehren den Stress erheblich.
Ist die Subjektivierung denn dann
unter dem Strich eher positiv oder eher negativ?
Jürgens Sie hat beide Seiten. Die Gewichtung fällt für jeden Einzelnen von uns unterschiedlich aus.
Welche Gefahren sehen Sie?
Jürgens Die Entwicklung zeigt eine Tendenz zum kurzfristigen Denken und Handeln. Man verbrennt die Ressourcen und lässt dem Einzelnen zu wenig Zeit, sich neben der Arbeit menschlich und privat zu entwickeln. Auch bei der Arbeit wird zu wenig darauf geschaut, wie sich ein einzelner Mitarbeiter entwickeln kann.
Wie wirkt sich der Wandel in der Produktion
auf die Ausbildung aus? Jürgens Es gibt die
Tendenz, dass viele Ausbildungen verkürzt werden.
Ich sehe die Gefahr, dass diese Verkürzung
überzogen wird. Überqualifizierung ist nicht in
jeder Hinsicht verkehrt. Wohin führt uns der Prozess?
Jürgens Ab dem Jahr 2030 kommen verschiedene Dinge zusammen, die unser Arbeitsleben erheblich berühren. Wir werden andere demografische Voraussetzungen haben. Es wird weniger Arbeitskräfte geben. Dadurch ist der Einzelne wertvoller, und mit den Wenigen wird man besser umgehen müssen. Außerdem wird die Bevölkerung älter sein, und wir werden bestimmte Leistungskompromisse machen müssen, zum Beispiel durch die Ermöglichung von Kurzzeitpausen in körperlich anstrengenden Jobs. Stefanie\x0fWinkelnkemper führte das Interview.
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