Klimawandel konkret: Kraniche ziehen nicht mehr, in den Alpen wachsen Palmen
zuletzt aktualisiert: 05.09.2007 - 09:54Frankfurt/Main (RPO). Seit Jahrzehnten verfolgen Naturschützer Veränderungen in der Natur. Ihre Bilanz zeigt den beginnenden Klimawandel. Die Zugvögel kehren früher zurück, Kraniche verzichten auf die Reise in den Süden. In den Alpen wachsen wilde Palmenarten, die sonst nur unter dem Schutz des Menschen gedeihen. Experten warnen vor radikalen Änderungen der Ökosysteme.
Siesta an einem von Palmen gesäumten Strand - dieses klassische Urlaubsbild aus dem Süden könnte in Zukunft auch an Deutschlands Küsten Wirklichkeit werden. Der Klimawandel hat bereits in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass sich mediterrane Pflanzen- und Tierarten hier zu Lande ansiedeln, während heimische Arten verschwinden oder Richtung Norden wandern.
Der Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte hat schon zu nachweisbaren Veränderungen in der Flora und Fauna geführt: So hat die Stechpalme, die vor 50 Jahren nur im äußersten Westen Deutschlands heimisch war, inzwischen ihr Areal weit in früher zu kalte Gebiete nach Osten ausgedehnt, wie Stefan Fleck vom Biodiversitätszentrum der Universität Göttingen sagt.
Eine Forschergruppe der Universität Bayreuth hat herausgefunden, dass die aus Südostasien eingeführte Palmenart Trachycarpus fortunei, die bisher nur in Gärten und Parks unter der Obhut der Menschen überleben konnte, durch die vergangenen milden Winter verwildern konnte. Inzwischen wurde sie in Wäldern am Alpensüdfuß im Grenzgebiet der Schweiz und Norditaliens nachgewiesen - die weltweit nördlichste freiwachsende Palmenpopulation. Wenn es noch wärmer wird, könnte die Pflanze auch weiter nördlich nach Deutschland wandern.
Die bisherige Klimaerwärmung hat sich auch dahingehend ausgewirkt, dass viele Tier- und Pflanzenarten ihren Jahreszeitenzyklus angepasst haben, wie Wolfgang Cramer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erklärt. "Man kann aus dem Weltraum beobachten, dass überall im Norden der Frühling früher und der Herbst später einsetzt." Schmetterlinge, Zugvögel oder Amphibien hätten ihren Zyklus entsprechend umgestellt.
Laut WWF kehren manche Zugvogelarten früher aus dem Winterquartier zurück und beginnen früher zu brüten, andere ziehen zum Überwintern gar nicht mehr weg oder bleiben in Deutschland. So bleiben etwa Kraniche, die normalerweise den Winter in Spanien oder Portugal verbringen, inzwischen zum Teil zu Tausenden in Deutschland. Insekten können sich laut Fleck schneller entwickeln und durch massenhafte Vermehrung von Schädlingen zur Plage werden.
Außerdem beginnen in Deutschland die Vegetationsphasen etwa von Winterroggen, Waldbäumen oder Obstbäumen heute bereits etwa acht Tage früher als noch Ende der 80er Jahre. Wenn Pflanzen aber früher blühen und Blätter bilden, besteht die Gefahr, dass sie durch Spätfröste im Frühjahr geschädigt werden. Zudem blühen sie zum Teil bereits, wenn noch nicht genug Bienen zur Bestäubung da sind.
Vegetationsgrenze in den Alpen verschiebt sich
Manche Tier- und Pflanzenarten verschwinden sogar wegen der Klimaerwärmung aus den Landschaften Deutschlands. Modellrechnungen prognostizieren für Europa Artenverluste im Bereich von fünf bis 30 Prozent, wie es in der 2006 veröffentlichten Studie "Biologische Vielfalt und Klimawandel" des Bundesamtes für Naturschutz heißt. "Wenn wegen trockenerem Frühling und Sommer die Standorte generell trockener werden, werden auch die Lebensräume für feuchtigkeitsangepasste Pflanzen kleiner", erklärt Fleck. Dann würden etwa Farne oder bestimmte Orchideenarten vertrocknen.
Besonders große Auswirkungen haben solche Vorgänge laut Fleck in den Alpen: In den deutschen Alpen liege die Vegetationsgrenze bei 2.900 Metern. Sie verschiebe sich aber nach oben, da viele Arten aus tieferen Lagen ihr Areal zu den Gipfeln hin ausdehnen. Die an die höchsten Standorte angepassten Pflanzen könnten dann aber nicht in höhere Lagen ausweichen und seien in Gefahr, durch den Konkurrenzdruck zu verschwinden.
Eine Langzeitstudie der Universität Mainz ergab, dass sich infolge des Klimawandels bereits der Vogelbestand in Mitteleuropa verändert hat: Die Bestandsentwicklung am Bodensee zeige teilweise drastische Entwicklungen, die allein auf die globale Erwärmung zurückgingen, erklärt Katrin Böhning-Gaese vom Institut für Zoologie. So seien südliche Arten aus dem Mittelmeerraum eingewandert, während ursprünglich am Bodensee heimische Arten zahlenmäßig zurückgingen oder ihre Brutgebiete in den Norden verlagerten. Der Klimafaktor hat inzwischen die Intensivierung der Landwirtschaft als wichtigsten Faktor für die Veränderung der Vogelbestände seit Ende des Zweiten Weltkriegs überholt, wie Böhning-Gaese sagt.
Größere Naturschutzgebiete verlangt
Für einige mag die Aussicht auf mediterrane Verhältnisse in Deutschland verlockend sein und das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten wenig bedrohlich erscheinen. Experten warnen jedoch vor dem Verlust der biologischen Vielfalt. "Es ist schon ethisch nicht vertretbar, wenn aufgrund der Klimapolitik ein Teil der Schöpfung verloren geht", sagt PIK-Forscher Cramer. Für Hoch- und Mittelgebirge habe die landschaftliche Vielfalt aber auch einen wirtschaftlichen Wert.
Um die Folgen des Klimawandels für Flora und Fauna abzumildern, plädiert Cramer für einen integrierten Naturschutz, der natürliche Schwankungen zulässt: Es müsse größere Naturschutzgebiete geben, und man dürfe sich nicht auf einzelne Arten fokussieren. "Bei einem ungebremsten Wachstum der Treibhausgasemissionen können aber auch Anpassungen im Naturschutz nichts nützen."
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