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Serie "Unser Wasser" (4): Medikamente im Trinkwasser

VON LUDWIG JOVANOVIC - zuletzt aktualisiert: 18.06.2008 - 20:59

Düsseldorf (RP). Wer ein Arzneimittel nimmt, belastet damit das Trinkwasser. 180 von 3000 Wirkstoffen konnten bereits nachgewiesen werden. Klärwerke filtern die Rückstände nicht. Die Konzentrationen sind zwar niedrig, aber die Wechselwirkung dieses Medikamenten-Cocktails ist kaum erforscht.

20 bis 25 Prozent aller Medikamente müssen nachgebessert werden, weil unbekannte Nebenwirkungen auftreten.  Foto: ddp, ddp
20 bis 25 Prozent aller Medikamente müssen nachgebessert werden, weil unbekannte Nebenwirkungen auftreten. Foto: ddp, ddp

Kühl soll es sein, den Durst löschen und rein. Die Anforderungen ans Trinkwasser sind buchstäblich klar. Und in Deutschland ist die Qualität dessen, was aus dem Wasserhahn oder Duschkopf kommt, in der Regel tatsächlich gut bis sehr gut. Aber da sind noch die Stoffe, die in der Trinkwasserverordnung keine Erwähnung finden: Rückstände von Arzneien.

Und sie stammen nur zu geringen Anteilen von Chemie-Unternehmen oder Pharma-Riesen. Vielmehr zählt jeder Einzelne zur breiten Masse der Verursacher – sofern er Medikamente nimmt. Denn ein Teil der Wirkstoffe wird ausgeschieden und die Toilette hinuntergespült. Einer der Spitzenreiter dabei ist Diclofenac, das in vielen Anti-Rheumamitteln enthalten ist und gegen Gelenkschmerzen hilft.

Vier Millionen Liter trinken

Es lässt sich im Trinkwasser nachweisen. Allerdings in Konzentrationen von Zehntausendstel einer Tagesdosis. Ein Mensch müsste schon mehr als vier Millionen Liter Wasser trinken, um die Wirkstoffmenge einer Tablette zu sich zu nehmen.

Das klingt beruhigend. Zunächst. Doch Diclofenac als Medikament wird nur bei akuten Schmerzen für relativ kurze Zeit in hoher Dosis aufgenommen. Über das Trinkwasser indes schluckt jeder ständig ein bisschen Anti-Rheumatika, vielleicht schon sein Leben lang. Und wie das nach Jahren auf den Körper wirkt, kann noch keiner sagen, warnt das Deutsche Ärzteblatt.

Diclofenac ist kein Einzelfall. Im Wasser findet sich mittlerweile alles, was die Apotheke hergibt. So lassen sich Grippewellen nachweisen, weil dann die Konzentration der Inhaltsstoffe von Hustensäften und Schnupfensprays erheblich ansteigt. Schmerzmittel finden sich ebenso wie Blutfett-Senker, Antibiotika und Röntgenkontrastmittel. Oder Wirkstoffe aus Anti-Baby-Pillen wie dem Östrogen Ethinylestradiol.

Verändertes Paarungsverhalten

Einige Fisch- und Schneckenarten reagieren darauf bereits überaus empfindlich: Ihr Paarungsverhalten verändert sich, wenn sie geringen Mengen dieses synthetischen Hormons über längere Zeit ausgesetzt waren. Ob das Östrogen im Trinkwasser auch Auswirkungen auf Menschen hat, muss noch erforscht werden.

Mehr als 180 von 3000 zugelassenen Wirkstoffen wurden schon in deutschen Gewässern entdeckt. Dank moderner Nachweismethoden, die sehr viel bessere Resultate liefern als noch vor Jahren. Und in Zukunft werden wahrscheinlich noch mehr Medikamenten-Rückstände entdeckt als zurzeit.

Die Gefahr geht dabei weniger von der einzelnen Arznei aus, sondern vielmehr von dem gesamten „Wirkstoff-Cocktail im Trinkwasser“, sagt Hermann Dieter, Toxikologe beim Umweltbundesamt. Mit unvorhersehbaren Wechselwirkungen. Und das Problem wird sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte verschärfen, weil die Menschen immer älter werden – und mehr Medikamente nehmen. Dieter rechnet damit, dass die Belastung des Trinkwassers mit Arzneimitteln innerhalb der nächsten 20 Jahre um bis zu 30 Prozent steigen wird.

Die umweltfreundlichere Pille

Im Klärwerk werden die Rückstände nicht aus dem Abwasser gefiltert, weil die Konzentrationen zu niedrig sind – und es keine gesetzliche Vorschriften gibt. In der Trinkwasserverordnung tauchen die Rückstände nicht auf. Vor allem, weil sie sich die Belastung nicht so einfach kontrollieren lässt: „Niemand kann verbieten, Arzneimittel zu nehmen“, so der Toxikologe.

Zumindest eine Teillösung wäre es, wenn Ärzte immer nur das Medikament verordneten, mit dem das Trinkwasser gar nicht oder zumindest sehr viel weniger belastet wird – wenn es diese Wahl gibt. Dass so etwas funktionieren kann, macht Schweden bereits vor. Dort sollen Ärzte schon jetzt bei gleicher Wirksamkeit die umweltfreundlichere Pille verschreiben. Entsprechende Listen liegen dort vor.

Doch Medikamente sind nicht die einzige Gefahr fürs Trinkwasser: EDTA ist die handliche Abkürzung für Ethylendiamintetraessigsäure. Das ist ein grundlegender Bestandteil beispielsweise von Enthärtern in Waschmitteln. Die Belastung des Trinkwassers mit EDTA konnte zwar aufgrund einer Selbstverpflichtung der chemischen Industrie aus dem Jahr 1991 bis jetzt massiv gesenkt werden.

Doch das Verhalten des Einzelnen und sein Einsatz von Waschmitteln lassen sich nicht kontrollieren. Und auch wenn EDTA nur schwach giftig ist, sollte im Trinkwasser eben nicht mehr enthalten sein „als unbedingt nötig“, sagt Dieter.

Quelle: RP

 
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